Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 29. September 1896

Jena 29. Septbr. 1896.

Lieber Herr Bölsche!

Ihre freundlichen Zeilen, sowie die Besprechung meiner „Systemat. Phylogenie“ im Octob. Heft der „Deutsch. Rundschau“ fand ich bei der Rückkehr von meiner Tyroler Ferien-Reise hier vor, und danke Ihnen für Beides herzlichst ! Ihre Kritik hebt das Wesen und Ziel meiner Lebens-Arbeit so treffend und zugleich so wohlwollend hervor, daß ich mir keine bessere Empfehlung wünschen kann; sie ist mir um so werthvoller, als die lieben Fachgenossen sich darüber entweder in tiefes Schweigen hüllen, oder – wenn Sie etwas darüber sagen – nur einige von den Irrthümern in Special -Fragen hervorheben, an denen ein solches Werk natürlich reich sein muß ! ||

Heute habe ich nun den letzten (44.) Correctur-Bogen des II. Theils, der Wirbellosen Thiere, erhalten und hoffe Ihnen denselben in 2–3 Wochen senden zu können. Er enthält viele Verbesserungen, da ich bei der Durcharbeitung der neuen Litteratur in den letzten Jahren auf viele (bisher unbenutzte!) Fortschritte unserer Kenntnisse gestoßen bin, welche die Verwandtschafts-Beziehungen der größeren Gruppen in klares Licht stellen. Das Ganze war eine colossale Arbeit; ich hätte Sie nicht bewältigen können, wenn ich nicht früher in verschiedenen Gruppen speziell gearbeitet, und dabei den wohlthätigen Zwang genossen hätte, in jedem Semester (ich stehe im 72sten!) das Ganze wieder durchzugehen! ||

Mit Freude ersehe ich aus Ihrem Briefe, daß Sie – trotz des regnerischen Sommers – schöne Wochen in der Schweiz verlebt und im Frühsommer die ganze Pracht der Alpen Flora genossen haben. Ich habe sie so nur einmal (vor 40 Jahren) gesehen und denke noch mit Entzücken daran. Im Juli und August ist das Beste schon längst vorüber. Über den freundlichen Gruß, den Sie und Ihr Freund Julius Hart mir sandten, habe ich mich gefreut und bitte Sie, auch ihm meinen Dank zu melden. Ich lese die Kunst-Kritiken der Gebrüder Hart in der „Tägl. Rundschau“ seit vielen Jahren mit großem Vergnügen; besonders auch meine Frau, die eine große Freundin des Theaters ist. ||

Die Tyroler Reise hat mich sehr erfrischt und besonders durch die Erfahrung erfreut, daß ich wieder 6 Stunden Berg steigen kann; ich hatte dies nicht mehr gehofft, nachdem die Folgen meines schweren Beinbruches (im Juli 95) mich ¾ Jahre lang invalid gemacht hatten. Gleichzeitig war auch meine Frau lange krank; jetzt geht es endlich besser.

Wenn ich im Frühjahr wieder nach Berlin komme, werde ich Ihrer freundlichen Einladung zu einem Besuche in Friedrichshagen gern Folge leisten.

Inzwischen bleibe ich mit freundlichen Grüßen und wiederholtem Dank

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-09-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.39
ID
42163