Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 15. März 1895

Jena 15.3.1895.

Lieber Herr Bölsche!

Gestern erhielt ich Besuch von meinem Schwiegersohn, Dr. Hans Meyer, u. theilte ihm Ihren Brief mit, besprach auch mit ihm Ihre Absicht, eventuell für das Bibliogr. Institut eine populäre „Geschichte der Naturwissenschaft“ zu schreiben. Ich halte ein solches Unternehmen für sehr dankbar u. wünschenswerth; auch bin ich überzeugt, daß Sie dasselbe befriedigend ausführen würden, trotz der großen Schwierigkeiten, welche diese schöne Aufgabe in sich schließt. ||

Ein eigentlicher Fachmann wird diese Aufgabe schwer in Angriff zu nehmen wagen, da er immer zu sehr mit dem engeren Kreise seines Special-Faches beschäftigt ist. Und doch kömmt es gerade hier darauf an, vom höheren Standpunkte aus die großen allgemeinen Beziehungen im Zusammenhange darzustellen. Mein Schwiegersohn (dessen Bibl. Inst. jetzt noch mit anderen größeren Unternehmungen (– geogr. u. ethnogr. Art –) beschäftigt ist –) wird sich seiner Zeit direct mit Ihnen in Verbindung setzen. ||

Es freut mich zu hören, daß es Ihnen gut geht und Ihre Entwicklungsgeschichte gut fortschreitet.

Über den Jammer unserer politischen und „Umsturz“ Umstände schweigt man am besten. Es ist unglaublich , mit welcher Blindheit die Regierungen, eben so wie die Parteien, geschlagen sind.

Auf der einen Seite die ganze Scholastik des Mittelalters, bei unseren Juristen, Theologen, Philologen etc – auf der anderen Seite die colossalen Fortschritte der Naturwissenschaft u. d. Technik.

Hoffen wir auf siegreiche Einwirkung der Letzteren.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-03-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.36
ID
42161