Obermayr, Paul

Paul Obermayr an Ernst Haeckel, Wien, 13. Februar 1909

Wien, 13.2.1909.

Hochverehrter Herr Professor!

Gestatten Sie mir, daß ich zu Ihren hohen, dem 75. Geburtstage meine tiefgefühlten und herzlichsten Glückwünsche darbringe. Meine Wünsche vereinigen sich gewiß mit denen Unzähliger, die Ihrem Banner mit Freude und frischer Liebe folgen. Mögen Ihre Perspektiven von einst ihrer Verwirklichung entgegengehen u. jener Mammon in Stücke gehen, der über den Bergen thront und häßlichstem Fratzengeschäfte fröhnt, – noch im neuen Jahrhunderte! Es ist schrecklich, wie zähe der Täuschung Leben ist. – Möge Ihre Tüchtigkeit u. Tatkraft schon jetzt u. noch mehr einst, meinen Altersgenossen, ein hehres u. zur Nachahmung treibendes Beispiel sein u. || uns stets erinnern, daß wir nur durch ein von Überzeugung u. Tat begleitetes „Progrediamur!“ einem Kulturziele sicher entgegengehen können. Freiheit nach innen u. Freiheit nach außen wird dann die Erlösung der Menschheit werden. Und Unsterblichkeit wird der Lohn derer sein, die ihr Leben der Führung geopfert. Ihr Andenken wird ewig sein.

Ihnen selbst, hochverehrter Herr Professor, persönlich – wünsche ich einen Lebensabend von Freude u. Glück. Das Bewusstsein, einem Großteil des angehörigen Volkes u. vielen anderen Menschen ein Stück weitergeholfen zu haben zur Welt der Freiheit, das Bewusstsein selbstlosester Arbeit u. Aufopferung zum Wohle der Menschheit, die Liebe zur Wahrheit, a Wissenschaft u. Kunst, das wird die Erinnerung an die Jahre der Vergangenheit, an die Zeiten riesenhaften Kampfes beseligen u. in Wonne ver-||wandeln.

Verzeihen mir, hochgeehrter Herr Professor, eine Belästigung, eine Frage. Wie geht es Ihnen in Ihrer Gesundheit? Ich denke so oft an Sie u. möchte, da ich eben oft im Geiste bei Ihnen bin, wissen, ob Sie sich wohl befinden. Eine Beantwortung meiner Frage möchte mir sehr große Freude machen. Ich bitte aber nochmals um Verzeihung dieser Belästigung.

Mögen Sie, hochverehrter Herr Professor, Ihren hohen 75. Geburtstag mit viel Freuden verleben! Und bleiben Sie noch lange unser lebendiger Ansporn im Kampfeb gegen die Mächte der Finsternis!

In dankbarster Ergebenheit u. Verehrung

Ihr med. Paul Obermayr.

(Wien, IX./2., Spitalgasse 21.2.7.)

a gestr.: u.; b eingef.: im Kampfe

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13-02-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 42079
ID
42079