Grazie, Marie Eugenie delle

Marie Eugenie delle Grazie an Ernst Haeckel, Wien, 9. März 1912

Wien, 9. März, 1912.

Hochverehrter Meister!

Zürnen Sie nicht, dass ich Ihren lieben Trostbrief so lange unerwidert gelassen. Aber ich habe Entsetzliches, Unbeschreibliches durchlitten – fast ein ganzes Jahr lang das qualvolle Hinsiechen des mir teuersten Menschen mitansehen müssen; zuletzt seinen Tod – der in seiner Marter || jeder Schilderung spottet. Dass ich noch lebe, wundert mich selbst. – Am 6. v. J.a Februar erkrankte mein unvergesslicher Freund unter den Erscheinungen einer schweren Herzaffektion. Vierzehn Tage war er noch außer Bett, dann trat die eigentliche Krankheit in Erscheinung: verschleppte Influenza mit einem schweren – dem dritten Gelenkrheumatismus, den der Arme in seinem Leben durchleiden musste. Zehn Wochen währte der acute Zustand – als er schon im Abziehen war, stellten sich Ödeme || Herzbeklemmungen und schwere Nierenerscheinungen ein. Zuletzt – Leberverhärtung. Unsere besten Ärzte, fünf – und drei berühmte – Internisten gaben sich, ich kann sagen, Tag und Nacht alle Mühe mit meinem teuren Lieben. Ende Juni endlich schwanden die Ödeme, ich wagte aufzuatmen; aber die Diurese versiegte wieder, die Ödeme kamen wieder, blieben – Wassersucht! Hoffentlich haben Sie nie im Leben einen teuren Menschen an dieser entsetzlichen Krankheit hinsiechen sehen! Mir hat es ein grausames || Schicksal vorbehalten, die zwei mir liebsten Menschen – meinen Vater und meinen Freund so sterben zu sehen! Es ist die schrecklichste aller Krankheiten, eine Hinrichtung ohne Ende. Man sieht förmlich den Tod bei seiner Henkerarbeit und wird mitgekreuzigt. Diese Nächte, – tage-, wochen-, monatelang! Noch brennt mir die Seele von all’ der Qual! Dieses Ersticken zuletzt! Dieses grausame Versagen aller Mittel – Hat Er das verdient? Meine Augen sind wund von den Thränen, die ich geweint. – Was soll, was || kann ich Ihnen da von mir sagen? Mein einziger und letzter Trost ist meine Arbeit. Sie giebt mir, wenigstens einige Stunden im Tag, das – Vergessen: Sie fragen, wie ich mir ferner mein Leben einrichten will? Arbeiten, arbeiten will und muß ich. Das ist gut. Es ist der letzte Instinkt, der mich an’s Leben fesselt –.

Wie geht es Ihnen? Ach, wie oft waren meine Gedanken bei Ihnen! Aber zum Schreiben kam ich fast ein Jahr lang nicht. Ich habe die längste Zeit, bei Tag und Nacht || allein die Pflege geleitet und fast ein Jahr lang nicht geschlafen. Wie eine Pflanze, die der Hagel bis an ihre Wurzeln zerschlagen, greif’ ich mir erst wieder zitternd nur Licht. Da soll meine erste Sorge Ihr Befinden sein. Ihr letztes liebes Schreiben klingt so traurig. Hoffentlich hat sich Ihr Zustand seither gebessert und, nicht wahr, ich darf hoffen, dass Sie so viel Zeit und Lust übrig haben, in den nächsten Tagen diese meine Zuversicht zu bestätigen? Bis dahin werd’ ich neue Sorgen || haben!

Und nun seien Sie recht herzlich gegrüßt von Ihrer, Ihnen in unwandelbarer treuer Verehrung

ergebene

M. E. delle Grazie.

a eingef.: v. J.

 

Letter metadata

Empfänger
Datierung
09.03.1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 42
ID
42