Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 23. Oktober 1855

Würzburg Di. 23/10 55

Liebe Eltern!

Hiermit erhaltet ihr den a ersten Bogen meines Reisetagebuchs, der freilich, da er nur die Einleitung enthält (denn die wahre Reise fängt ja erst von Linz aus an) sehr langweilig ist. Ich wollte euch anfangs erst die ganze Geschichte schicken, wenn ich ganz damit fertig wäre und wollte Papa zu seinem Geburtstag damit überraschen. Da aber das doch noch lange dauert, will ich euch lieber immer bei Gelegenheit schicken, was grade fertig ist.

Eure Sendung empfing ich am 20/10. Ihr machtet mir also grade zu Tante Bertha’s Geburtstag damit eine Freude. Für die beiden Würste sowohl, welche meinem abendlichen Speisezettel (bestehend aus Butterbrod und Obst) als für die Strümpfe welche meinen frostigen Füßen sehr zu gute kommen, sage ich Dir, liebste Mutter, meinen herzlichen Dank. Sehr gefreut hat es mich, aus Deinem Briefe zu ersehen, daß es Dir endlich ordentlich, wenn auch langsam fortschreitend (wie das bei so chronischen Geschichten immer ist) wieder besser geht. Gebe Gott, daß es so immer stetig fortgeht. Es war mir das auf meiner Reise immer ein recht bittrer Beigeschmack (zumal ich so selten einen Brief von euch erhielt), daß ich daranb denken mußte, wie viel Du, meine liebe Alte, zu Hause leiden müßtest, während ich mich zu gleicher Zeit so wohl und munter, wie sonst nie, befand. Mit dieser Munterkeit ist es übrigens jetzt hier auch (wenn auch nicht körperlich) ziemlich vorbei, da mein jetziges Leben hier einen gar zu schreienden Kontrast mit dem vorausgegangnen, herrlichen Bummelleben bildet. Vorher Nichts als die herrlichsten Natur- und Kunst-Genüsse. Und jetzt gar, gar Nichts von dem Allen. Im Gegentheil, nur die elendeste Abquälerei mit Arbeiten-Wollen, -Sollen und doch nicht Können! || Äußerlich habe ich mich zwar in den alten Schlendrian ganz wieder eingelebt. Aber eigentlich kann ich mich noch gar nicht mit Sinn und Herz darein finden. Ich habe zwar den ganzen Tag die edelsten Schmierbücher über Medicin vor mir liegen. Aber nur die Augen lesen die Seiten herunter, und nur die Hände schlagen die Blätter um. Aber die Gedanken, die Gedanken!! Ja, wo sind die? Entweder bei euch, oder in den Alpen, oder vielmehr, beides zusammen, nämlich: mit euch in den Alpen! Ich denke nämlich ganz im Ernst daran, einmal euch in dem Salzkammergut herumzuführen!! Doch davon jetzt stille! Später mündlich mehr! – Das einzige Mittel, mich jetzt von meiner Zerstreuung zu sammeln, besteht in der Lectüre folgender 4 Bücher, in denen ich jetzt wahrhaft schwelge:

Schlagintweit, physikalische Geographie der Alpen

Cotta geologische Briefe aus den Alpen

Schaubach die deutschen Alpen, vor allen aber das herrliche

Tchudi Thierlebenc der d Alpenwelt, in welch letzterem ich jetzt wahrhaft versessen bin. Leider sind das nur Alles keine Medicinalia, in die ich doch jetzt partout ohne Gnade und Barmherzigkeit hinein soll und muß! Am Sonntag habe ich dann endlich einen kühnen Anlauf genommen und bin mit einem Satz in die edle ars medica verzweifelt hineingesprungen. Ich bin nämlich seit dem „ewig denkwürdigen“ 21sten Oktober 1855 p. C. n. wirklicher poliklinischer Praktikant! hört, hört!! und bringe jetzt jeden Morgen 2 Stunden bei meinen Patienten zu!!! Möchtet ihr nicht an der Stelle dieser armen Thierchen sein?? Es klingt wirklich lächerlich, ist aber nichtsdesto weniger wahr! Ich wolltee nur, ihr könntet mich sehen, mit welcher hochwichtigen Amtsmiene, den grauen poliklinischen Hut auf dem Kopf, Stethoskop und Plessimeter in der Tasche der imposante Herr Doctor auf der Praxis herumläuft! ||

Mein erster Patient war ein Mann (H. Adam) von 45 Jahren Heizer, welcher vor 4 Tagen plötzlich einen sehr heftigen Anfall von Cholera sporadica gehabt hatte. Zum großen Glück für ihn fiel es ihm erst am 4ten Tage, nachdem die Krankheit selbst eigentlich schon vorüber war (weil er nämlich nicht behandelt wurde), ein, nach dem Doktor zu schicken. So habe ich jetzt nur nochf die Nachbehandlung zu leiten und war denn schließlich so glücklich, nachdem ich ein paar Stunden lang sämmtliche Ecken und Enden seines Körpers genau untersucht, am untern Lappen der linken Lunge etwas Emphysema pulmonum zu entdecken (durch physikalische Exploration) welches der Mann wohl schon seit Jahren ohne Beschwerde hat, das aber nun, da er einmal unter der Kur ist, doch ohne Gnade behandelt werden muß, und wogegen ich denn feierlichg mein erstes Recept los ließ, das ich der großen Merkwürdigkeit halber doch euch beilegen muß. Jetzt habe ich ein kleines Kind von 4 Jahren zu behandeln. Anfangs glaubte ich schon es mit einem gastrischen Fieber zu thun zu haben, bis es sich dann schließlich ergab, daß es eine ganz simple Diarrhoe sei, welcher ich jetzt mit Hölleinstein gewappnet entgegentrete. Wenn ich übrigens behaupten wollte, daß ich jetzt schon Vergnügen an diesem Prakticiren fändeh, so müßte ich wahrlich lügen. Jetzt will ich noch nicht weiter davon schreiben, sondern erst abwarten, wie sich die Sache weiter macht. O aurea praxis! –

Vor einigen Tagen war der Dr. med. Wagner (Sohn Deiner Jugendfreundin, liebe Mutter), Oberarzt am städtischen Krankenhaus zu Danzig, einige Tage überi hier, mit seiner jungen Frau. Er schickte seine Karte hieher und ließ Hein bitten, ihn zu besuchen. Da dieser nun schon fort war, ging ich zu ihm und wurde von ihm, als er hörte, wer ich sei, außerordentlich freundlich aufgenommen. Er ist auch in Heidelberg mit Karl zusammengewesen. Sonnabend Mittag lud er mich ein, mit ihm table d’hote zu essen. Nach Tisch wurde ein großartiger Spaziergang auf das rothe Kreuz veranstaltet, an dem auch Virchow, Koelliker, Bamberger, Schmidt, Biermer und Virchows Schwägerin Theil nahm. || Es war recht lustig und amüsant. Besonders hat mir Koelliker viel von seiner großen 9 wöchentlichen Reise nach Schottland und England erzählt, wo er wieder ungeheuer ehrenvoll aufgenommen überall umsonst gewohnt hat (bei Professoren) und außerdem ein paar Kisten vollj der kostbarsten, interessantesten Bücher (meist vergleichend anatomische Bilderwerke) zum Geschenk erhalten hat. An der schottischen Küste hat er die Entwicklung des Pentacrinus Caput Medusae (Comatula mediterranea) beobachtet. –

Daß Du, liebste Mutter, meine Spiritus-Menagerie so sorgfältig umquartiert hast, dafür sage ich Dir den herzlichsten Dank. Daß das Klebwachs an einigen Gläsern etwas feucht ist, schadet gar Nichts, wenn die Deckel nur sonst fest drauf sitzen. Mit dem Ordnen gieb Dir ja keine Mühe, sondern laß Alles bis Ostern, bis ich selbst komme. –

Daß es Tante Bertha so viel besser geht, freut mich auch recht sehr. Hoffentlich hat sie meinen Brief noch an ihrem Geburtstag bekommen. –

Für Deine Nachrichten lieber Vater, danke ich Dir sehr, da sie mich recht interessirt haben, namentlich die über Barths Reise. – Du wünschst k das Nähere über mein Gletscherabentheuer zu wissen. Dies ist zwar sehr einfach, läßt sich aber besser in corpore vormachen, als abbilden oder beschreiben. Ich hatte den unübertrefflichen Alpenstock von 8' Länge, dem ich allein meine Rettung verdanke, in der rechten Hand fest gefaßt. Dieser legte sich beim Falle, als ich mit der einenl Körperhälfte im Schnee saß, quer über die Spalte, so daß ich ganz sicher an ihm hängenblieb und mich nun an ihm mit der freien Hand herausarbeiten konnte, wobei mich der Führer noch am Wickel faßte. Das feinere Detail ist mir selbst nicht recht klar geworden, zumal ich damals nicht grade sehr aufgelegt war, scharfsinnige Combinationen über die physikalische Richtung der Fallinien oder das „Wie“ des Herauskommens anzustellen, sondern meinem Gott dankte, daß ich draußen war, wozu ich auch alle Ursache hatte. Es war dies übrigens das einzige Mal auf der ganzen Reise, wo ich wirklich in Gefahr war. –

Ernst Weiß, Richthofen, Heins, Lachmann etc und alle meine andern Freunde grüßt herzlich von eurem alten Ernst H. – ||

[Beilage: Rezept von Ernst Haeckel]

Wirceburgi | d. 22.X.55.

Recipe

Stib. sulf. aur. gr X

Extr. Hyosciam spir.

gr iiii

Sacch. alb. Zi

M. f. pulvis

Div. in part. aeq. No: Viii

D.S. 4mal stündlich 1 Pulver

Dr. Haeckel.

Für Herrn Adam

a gestr.: B; b eingef.: daran; c korr. aus: Alpenleben; d gestr.: Thiere; e korr. aus: wolltet; f korr. aus: doch; g korr. aus: feierliches; h korr. aus: finden sollte; i gestr.: lang; eingef.: über; j eingef.: voll; k gestr.: D; l gestr.: xxx; eingef.: einen

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
23-10-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 41463
ID
41463