Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Mailand, 21./22. September 1855

Mailand 21/9 55

Liebste Eltern!

Endlich, endlich erhielt ich vorgesterna Abend, am VorAbendb meiner Abreise von Venedig, einen Brief von euch, den ersten seit Salzburg, den zweiten auf der ganzen Reise. Die Bummelei u. Unordnung der österreichischen Postbeamten ist wirklich fabelhaft. Dieser Brief trug den Poststempel „Venedig“ bereits vom 14/9 (wie ihr aus dem Couvert sehen könnt) und doch erhielt ich ihn erst am 19/9, am letzten Abend meines Dortseins, obwohl ich täglich mehreremal nachgefragt hatte. Ganz ebenso ist es auch mehrern andern Reisenden gegangen. Das sollte doch bestraft werden. Du schreibst mir, lieber Vater, daß Du mir 2 Briefe nach Meran geschickt hast. Trotz meines mehrmaligen Nachfragens habe ich aber auch dort keine bekommen, wie Du aus dem || letzten, von mir in Botzen am 12/9 geschriebenen und abgeschickten Brief, den du hoffentlich richtig bekommen hast, gesehen haben wirst. Auch hier habe ich wieder keinen Brief vorgefunden, obwohl ich in Meran und überall, wo ich Briefe erwartet hatte, bestellt hatte, sie mir hieher nachzuschicken. Es ist eine Bummelei ohne Gleichen. Du schreibst mir bloß von dem letzten, aus c Lienz abgeschickten Pflanzenpaket. Hoffentlich ist aber auch das erste, aus Berchtesgaden abgeschickte, mit den Bildern und andern Sachen, richtig angekommen. –

Zu meiner größten Betrübniß habe ich aus eurem letzten Brief gesehen, daß Du, liebste Mutter, wieder so viel hast ausstehn müssen. Wie viel, viel habe ich überall an Dich gedacht, und wie gar zu gerne möchte ich Dir helfen und Dein Leiden mindern, wenn ich nur könnte! || Hoffentlich geht es Dir aber jetzt viel besser, da ja das Übel allmählich ganz wieder schwindet, freilich langsam, wie alle chronischen Krankheiten. Als ich zuerst den Brief durchlesen, war mein erster Gedanke, sogleich den ganzen Rest meiner schönen Reise aufzugeben, und augenblicklich direct über Triest und Wien nach Berlin zu reisen. Dieser Einfall erschien mir so herrlich, daß ich schnurstracks nach Haus lief und alle Anordnungen zur Ausführungd dieses Plans traf, wodurch ich Dir liebste Mutter, eine recht freudige Überraschung zu bereiten gedachte; zum Glück (oder Unglück je nachdem!) traf ich aber bald ein paar Studenten, mit denen ich in Venedig viel zusammen gewesen. Diese schilderten mir die e Reize Mailands und des Comer Sees so herrlich, daß ich doch wieder anfing, in meinem Entschluß wankend zu werden. Dazu kam noch, daß ich mich mit mehrern Bekannten verabredet hatte, in München am 1/10 zu dem großen Musikfest zusammenzutreffen. ||

Ferner der Gedanke, f oder vielmehr, die wohlberechtigte Überzeugung, daß ich in meinem jetzigen Reisecostum unmöglich in Berlin über die Straße gehen könne. Endlich wurde aber der neueg Plan dadurch total umgestoßen, daß die Polizei, wo ich das Visum nach Mailand in das nach Triest umändern lassen wollte, diesen Abend schon geschloßen war, ich aber am andern Morgen, wenn ich nicht für 2 fl eine Aufenthaltskarte lösen wollte, unbedingt fortmußte. Also blieb ich doch schließlich h bei meinem ursprünglichen Plan, den ich ja auf der ganzen Reise so ziemlich gut durchgeführt habe, und fuhr an Karls Geburtstag in 12 Stunden durch das ganze lombardisch venetianische Königreich hieher. Nun muß ich euch vor allem zum Troste sagen, daß eure Sorgen wegen der Cholera vollkommen ungegründet sind. Sie ist hier jetzt nur noch äußerst gering, lange nicht so stark, wie in Triest, Wien, Trient und Botzen, und selbst in Berlin. ||

Es kommen hier täglich nur noch 10–20, selten 30–40 Fälle vor, eine Zahl, die bei einer Bevölkerung von 160,000 Seelen, wozu noch 20,000 Mann Soldaten kommen, gar nichts sagen will. Das sind viel weniger, als in Trient, Trient etc, worüber ich sonst hätte zurück reisen müssen. –

22/9

Nun einiges über meine Reise seit Botzen, von wo ich euch zuletzt geschrieben.

Ich ging am Donnerstag 13/9 früh aus Botzen, im herrlichen Etschthal über Kaltern und Tramin nach Neumarkt. Von da mit Stellwagen nach Trient. Am 14/9 anfangs bei schrecklichem Regen, dann bei recht schönem Wetter durch das Sarkathal (höchst interessant, ganz südlich) nach Riva gegangen, der einzige Tag, wo ich den ganzen Tag über kein deutsches Wort gesprochen. Am 15/9 beim schönsten Wetter über den Gardasee mit Dampfschiff, ganz herrlich. Nachmittags in Verona, das mir ganz außerordentlich gefallen hat. || Am Sonntag 16/9 früh nach Venedig, wo ich k 3 Tage mich möglichst umgesehn habe. Jetzt mache ich statt aller weitern Expectorationen darüber nur 3 große Ausrufungszeichen!!! und sage Euch, daß der ganze Eindruck von Venedig durchaus „mährchenhaft“ ist. Das ganze Ding kommt mir wie 1 Traum vor. Ich hatte mit mehreren Deutschen (u. a. Hr. Kaufmann mit Frau aus Berlin l Compagnon von Lampe, mit Reimers bekannt) denselben Führer in Venedig. Die Eindrücke, die man da bekommt, sind so einzig in ihrer Art, daß man lange daran zu verdauen hat. Mir ist von all den fabelhaften Herrlichkeiten noch ganz wüst im Kopf. Gestern habe ich mich hier in Mailand umgesehen, auch eine recht großartige Stadt. Der Dom ist überaus herrlich, das schönste, was ich in der Art je gesehen. Auch in einer sehr schönen Gemäldesammlung, der Brera, habe ich hier lange geschwelgt. Das Äußere der Stadt ist fast glänzender als Venedig.

Im übrigen bin ich das Reisen in Italien jetzt herzlich satt (schon nach 8 Tagen) und freue mich ordentlich, daß ich nun (morgen) wieder nach Tyrol hineinkomme. Ich gehe nun über den Finstermünzpaß nach Landeck und Insbruck, wo ich etwa in 5 Tagen eintreffe, von da nach München, wo ich etwa noch 8 Tage bleiben werde, um mir eine Idee von seinen Kunstschätzen zu verschaffen. Zufällig wird auch grade in der ersten Octoberwoche ein großes Musikfest da sein, das ich also noch mitfeiern werde. Nach München bitte ich auch den nächsten Brief zu schicken.

Dein Vorschlag, durch die Schweiz zurückzugehen, wäre sehr schön, wenn es nicht schon viel zu spät im Herbst dazu wäre. Auch würde es mir jetzt zuviel Zeit kosten und von der Münchner Reise abbringen. Auch mit eurem hübschen Vorschlag, euch jetzt noch zu besuchen, wird wohl nichts werden, da die poliklinische Praxis in Würzburg sehnlichst meiner harrt. Eigentlich sollte ich schon am 1ten October anfangen. i Länger als den 8ten–10ten darf ich aber nicht ausbleiben. ||

Für Deine Nachrichten von den Verwandten und Bekannten danke ich Dir, lieber Vater, herzlich. Sie haben mich sehr interessirt. So in einem ganz fremden Land, wo man mit keinem Menschen 1 Wort sprechen kann ist ein Brief aus der Heimath doppelt viel werth. Hier im Süden lerne ich erst den hohen, innern Werth unsres norddeutschen Lebens recht schätzen. Wie herrlich u. üppig auch die hiesige südliche Natur ist, und wie sehr sie mich, namentlich im Gegensatz gegen das so sehr contrastirende Alpenleben (das ich übrigens vorziehe), in Staunen und Bewunderung versetzt hat, so ist mir dagegen das ganze Leben, Volk, und j Sitte nur um so widerwärtiger und verhaßter. Bis jetzt habe ich alle schlechten Vorurtheile über den Italiener bestätigt gefunden. Es lebe unser Norddeutschland! –

An alle Verwandte und Freunde herzliche Grüße. Dir, liebste Mutter, wünsche ich aus vollem Herzen recht schnelle und gründliche Besserung. Seid herzlich umarmt und geküßt von eurem treuen alten Ernst, der sehr munter und gesund ist! ||

a eingef.: vor; b eingef.: Vor; c gestr.: Linz; d korr. aus: Ausführungs; e gestr.: Reise; f gestr.: daß; g korr. aus: teure; h gestr.: ganz; i korr. aus: Spä; j gestr.: Le; k gestr.: vom; l gestr.: Verwandter

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-09-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 41459
ID
41459