Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Bozen, 12. September 1855

Botzen Mittwoch 12/9 55

Liebste Eltern!

Am Sonntaga 9/9 kam ich glücklich in Meran an, wo ich endlich einmal ganz b bestimmt Briefe von euch zu finden gedachte, da ich euch im vorletzten Brief noch selber gebeten, mir dahin zu schreiben, und außerdem von allen möglichen Orten, wo vielleicht noch Briefe von euch liegen konnten, sie mir nach Meran nachzuschicken gebeten hatte. Trotzdem fand sich nicht die Spur von einem Berliner Brief vor, so daß ich also seit Salzburg noch immer ganz ohne Nachricht von euch und namentlich um Dich, liebes Mutterchen, recht in Sorgen bin. Nun bitte ich euch aber dringend, mir doch jedenfalls nach Mailand einen Brief, wenn auch nur ganz kurz, zu schicken. Ich denke dort in 10 Tagen einzutreffen, nämlich morgen nach Trient, 14/9 nach Riva, 15ten Gardasee, 16ten Venedig, dort 3 Tage, 20ten Padua, 21 Verona, 22 Mailand, 23ten nach Como, 24 Comer See, dann noch nach dem Luganer See und Lago maggiore und durch das Engadin längs dem ganzen Inn hinab nach Innsbruck, wo ich etwa den letzten September ankomme. Dann denke ich die schöne Reise mit 8 Tagen in München zu beschließen. ||

Statt eurem so sehnlichst erwarteten Briefe fand ich in Meran einen von Karl vor, der leider nun ganz alt war und mir von euch gar nichts berichtete. Er war am 18/8 ! in Ziegenrück auf die Post gegeben und am 9/9 !! in Meran angekommen, und trug die Postzeichen von „Winklern, Spital, Insbruck, Oberdrauburg, Ebermannstadt, Heiligenstadt, Brixen, Botzen, Meran und noch einige andre!!! Bei solcher Bummelei ists allerdings nicht zu verwundern wenn man keinen Brief bekommt. Hoffentlich habt ihr die kostbare Heiligenbluter Pflanzensendung aus Lienz richtig erhalten. Mein liebenswürdiger Engländer nahm sie mit nach Insbruck, wo er sie auf die Post geben wollte. Mit dem Reisebericht blieb ich wenn ich nicht irre, in Lienz stehen, wo wir am Montag 3/9 ankamen. Nachmittag machte ich eine Excursion auf den dolomitischen Rauchkofl. Am Dienstag 4/9 wollte ich nach einem neuen Plan über Inichen durch das Höllensteinthal nach Ampezzo, dann in das Fassathal, die berühmteste geologische Gegend, und über den Schlern und die Seiseralp ins Grödner Thal und so nach Bozen gehen. Da aber der Regen fortdauerte, mußte ich mit dem Stellwagen nach Brixen fahren. || Von da am andern Tag nach Sterzing, wo ich beim scheußlichsten Regen einen ganzen Tag zubrachte und aus Verzweiflung zum Apotheker lief, dem es großen Spaß machte, mir die ganze Einrichtung seiner Apotheke bis ins kleinste Détail zu zeigen, so daß ich hier zum erstenmal einen Begriff von einer Apotheke bekommen habe.

Da das scheußliche Wetter auch Donnerstag 6/9 früh noch da war so gab ich c die ganze weitere Reise auf und wollte direct über Insbruck nach München fahren. Eben wollte ich in den Stellwagen steigen, als die liebe Sonne hervortrat und den Schneeberg so reizend beschien, daß ich beschloß, wenigstens nach Meran noch vorzudringen (um so mehr, als ich sicher hier Nachricht von euch hoffte) und auch einen Versuch aufs Ötzthal zu wagen. Ich ging also noch selbigen Tags bei leidlichem Wetter über den Jaufen nach S. Leonhard, übernachtete in Hofers Wirthshaus am Sand, und ging am Freitag 7/9 über das Timbler Joch nach Sölden im Ötzthal, wieder bei so scheußlichem Regen und Nebel, daß der Führer sich verirrte und mich 3 Stunden umführte, in ein ganz andres Thal. Das war ein anstrengender Marsch von 14 Stunden, immer steil bergauf bergab, ebenso wie am andern Tag. ||

Für diese riesige Ausdauer sollte ich aber denn auch glänzend belohnt werden. Am Samstag 8/9 war wider alles Erwarten das prachtvollste Wetter. Ich schleppte in aller Eile mein Gepäck durch das prächtige obere Ötzthal 6 Stunden weit bis Fend, und ging von da noch am selben Nachmittag über den Hochvernagtferner und Hochjochferner nach Kurzras. Diese Tour ist bis jetzt der Glanzpunkt der ganzen Reise. d Alle Beschwerden, die damit verbunden waren, und die ihr nachfolgten, vorausgingen, hätte ich für solch einen unbeschreiblichen Genuß gern doppelt ertragen. Nie war ich so in dem Allerheiligsten der Natur. 2 gute Stunden schritten wir über den riesigen Hochjochgletscher, rings umgeben von den herrlichsten Schneebergen und Eiszacken, nirgend 1 grünes Fleckchen, überall nur der schimmerndste weiße Schnee und dazwischen die schwarzen Felsenfleckchen. Hier lernte ich erst die prachtvolle, interessanteste, einzige Gletscherwelt in ihrem ganzen Wesen kennen. Auch eine kleiner Schrecken vermehrte nur noch mein Entzücken. Mitten im Stadium des höchsten Entzückens, als ich den Führer auf die prachtvollen Kontouren der Schneeberge aufmerksam machte, saß ich plötzlich f mit dem halben Leib im Schnee. Wir hatten beide nicht eine große mit Schnee g überdeckte, im Wege liegende, || Gletscherspalte bemerkt, in welche ichh wohl (was allerdings kein Spaß gewesen wäre) ganz hinabgestürzt wäre, wenn ich nicht glücklicherweise meinen unvergleichlichen Alpstock schon auf dem einen, und den andern Fuß noch auf dem i andern Rand der Spalte gehabt hätte. So kam ich mit einem leichten Schrecken und blutigen Händen davon. Wirklich gefährlich war aber das Hinabsteigen vom Gletscher nach Kurzras, da uns dabei die Nacht überfiel. Gott sei Dank kamen wir aber glücklich noch spät an. Am andern Tag lief ich äußerst ermüdet nach dem herrlichen Meran, j wo ich zuerst die Südnatur sah, die mich auch hier außerordentlich entzückt, namentlich im Gegensatz zum Polarleben der Ötzthaler Eiswelt. Noch am selben Nachmittag (Sonntag 9/9) bestieg ich die k Burg Tyrol mit der herrlichen Aussicht.l Den andern Tag brachte ich auf dem prächtigen Schloß Lebenberg mit stud. jur. F. Mohs aus Heidelberg (Sohn des Consistorial Praesidenten Mohs aus Dessau) ganz selig zu. Das war einer der frohesten, vergnügtesten Tage meines Lebens. Gestern, Dienstag 11/9 lief ich mit ihm Vormittag hieher, Nachmittag auf den Calvarienberg und ins herrliche Sarnthal. Heute allein zu den merkwürdigen Erdpyramiden und noch einmal ins Sarnthal. ||

Heut Abend bin ich sehr müd, so daß aus dem Brief nicht viel Gescheuts wird. Nun bitte ich nur noch, jetzt gar keine Angst mehr um mich zu haben. Die wirklich irgendwie gefährlichen Parthieen sind nun alle abgemacht. Auch wegen der Cholera ängstigt euch ja nicht. Selbst in den größern Städten der Lombardei kommen täglich nur 1– höchstens 3 Fälle vor, also eigentlich nicht der Rede werth, namentlich für 1 Mediciner. Außerdem habe ich für Italien einen (allerdings nicht sehr liebenswürdigen) Reisegefährten, stud. jur. Achilles aus Bonn. Sollte dieser Brief so spät ankommen, daß ihr nicht mehr bis zum 22ten nach Mailand schreiben könnt, m so schreibt nach n Insbruck, das ich wohl am letzten September verlassen werde. –

Im Übrigen wünschte ich, ihr könntet mich einmal sehen, wie herrlich mir das Alleinreiseno bekömmt, sowohl körperlich als geistig. Nicht nur Muskeln und Sehnen, sondern auch Character, Entschlußkraft, Wille, Muth etc ist in beständigem Wachsen. Ich bin ein ganz andrer Kerl! Auf Italien freue ich mich sehr. Hier habe ich schon 1 Vorgeschmack davon. Was für ein Gegensatz gegen die Alpenwelt! –

Hoffentlich geht es Dir liebste Mutter, viel besser. Ich muß so sehr viel an Dich denken. Wie gerne möchte ich euch Lieben alle diese Herrlichkeiten mit genießen lassen. Ich bin sehr glücklich!! (Heute Abend aber schrecklich müde!) Gute Nacht! Euer Ernst.

a korr. aus: Samstag; b gestr.: ich; c gestr.: zu; d gestr.: Ge; e korr. aus: einen; f gestr.: bis; g gestr.: erfü; h eingef.: ich; i gestr.: alten; j gestr.: wobe; k gestr.: herrl; l irrtüml.: ). m gestr.: scho; n gestr.: bis; o korr. aus: Alleinsein

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
12-09-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 41458
ID
41458