Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Würzburg, 1. August 1855

Würzburg 1/8 55

Liebste Mutter!

Zwar werden Dir Vater und Karl genug von meinem ganzen Leben und Treiben, Dichten und Trachten, erzählen. Aber ich denke doch, Du wirst Dich freuen, wenn ich Dir auch direct einen herzinnigen Gruß mitschicke. Vor Allem wünsche ich, daß die bösen Flechten recht bald wieder ganz verschwinden. Habe nur guten Muth. Wenn das Übel auch sehr lästig und unangenehm ist, so ist es doch keineswegs irgendwie gefährlich oder schädlicha. Im Gegentheil, es ist sogar vielleicht ganz nützlich, daß der Krankheitsstoff auf diese Weise ausb dem Körper entfernt wird und es schützt dies vor schwererer, ernsterer Krankheit. Jedenfalls hoffe ich, daß unter Quinckes strengem Regimen der Ausschlag bald nachlassen wird. Dabei muß ich Dich aber aufs dringendste bitten seinen Anordnungen auch ganz genau und pünktlich zu gehorchen und Dich möglichst zu schonen und in Acht zu nehmen. Denke doch, wie lieb wir Dich haben, und wie sehr wir wünschen, Dich baldmöglichst wieder ganz gesund zu haben! Wir haben hier sehr viel an Dich gedacht und immer gewünscht, Dich auch noch hier zu haben, um unser nettes Zusammenleben ganz zu vervollkommnen. Mirc haben die paar Tage, die ich hier mit Vater und Bruder verlebt, außerordentlich viel Freude gemacht, und ich glaube, daß es ihnen auch hier ganz gut gefallen hat. Besonders war es mir lieb, mich über vielerlei Angelegenheiten d einmal recht ordentlich herzlich aussprechen zu können. Dann e hat es mir aber auch sehr viel Freude gemacht, sie überall herumführen und ihnen einen Begriff von meinem hiesigen Leben geben zu können. Wir haben hier sehr nett und gemüthlich zusammen bei unserm höchst liberalen und gefälligen Philisterium gewohnt. Am Sonnabend (28/7) besuchten wir früh f Schenks und hospitirten bei Koelliker. Nachmittag fuhren wir mit einem Freunde, mit dem wir überhaupt sehr viel zusammen waren, g im Nachen nach Veitshöchheim, wo wir erst der 50jähriger Jubelfeier eines hiesigen Corps (Franconia) beiwohnten und dann in den schönen Edelmannswald gingen, worauf wir Abends mit der Eisenbahn längs des Mains zurückfuhren. ||

Am Sonntag (29/7) fuhren wir auf dem Dampfschiff bis Aschaffenburg herunter, freuten uns über die sehr schönen Mainufer, besahen dort das Pompejanum und das Schloß und fuhren Abends durch den ganzen Spessart auch per Dampf zurück, eine sehr schöne Fahrt. Montag früh besahen wir die schönsten der hiesigen Kirchen, besuchten Nachmittag Virchow und gingen dann auf das Käppele und den Nikolausberg. Gestern, Dienstag schleppte ich Papa und Karl noch tüchtig auf die schönsten Punkte der Umgegend herum, früh von Smolensk über das rothe Kreuz und den ganzen Stein hinweg bis zur Dürrbacher Stiege, Nachmittags auf die Zeller Waldspitze. Abends kneipten wir mit meinen Bekannten zusammen auf unserer Bude. –

So sind mir die Tage unsres Zusammenseins äußerst angenehm, aber leider auch sehr rasch vergangen. Wie schade, daß die Lieben nicht länger hier bleiben, und daß ich Dich, meine liebe Mama, nicht auch habe hier haben können. Nun hoffentlich haben wir zu Ostern 1 recht frohes und freudiges Wiedersehn!

– Die 8 Tage, die mir jetzt noch bleiben, werde ich tüchtig benutzen, um mich noch etwas mit der physikalischen Geographie der Alpen vertraut zu machen. Daß ich mich riesig auf die Alpenreise freue und daß diese schon seit ein paar Wochen alle andern Studien in den Hintergrund gedrängt, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Nur bitte ich Dich nun noch, Dir doch ja keine Sorgen und Ängsteh um meinetwillen zu machen. Da ich durch eure unvergleichliche Freigebigkeit jetzt viel mehr Geld zu der schönen Reise erhalten habe, als ich brauchen werde, so kann ich sie so recht con amore und mit aller Ruhe und Bequemlichkeit, die ich brauche, ausführen. Da ich mein Gepäck immer mitschleppe, so werde ich überall wo ich nicht auf Chausséen oder unfehlbaren Landstraßen, marschiere, mir einen Führer nehmen und Du darfst also vollkommen ruhig und sorglos sein. Die Briefe, die ich euch aus den Alpen schreiben werde, werden wegen des voraussichtlichen Zeitmangels i wohl sehr kurz sein und nur die wichtigsten Notizen euch bringen. Desto ausführlicher werde ich euch in dem nachher auszuarbeitenden Tagebuch die schöne Reise schildern. Nun lebe recht wohl, meine herzliebe Mutter, sei recht vergnügt, namentlich auch wenn Du an Deinen im Naturparadies schwelgenden Jungen denkst und habe nochmals tausend Dank für alle Deine treue Liebe.

Dein alter treuer Ernst. ||

P.S.

Noch eine sehr wichtige Bitte habe ich an Dich, liebste Mutter, diese betrifft nämlich das Trocknen der Pflanzen, die ich, sobald ich ein gehöriges Paket in den Alpen gesammelt habe, euch zuschicken werde, da dies der einzige Weg ist, sie zu erhalten. Am besten wird es sein, wenn du meine alte Presse wieder einrichtest und zusammensetzst, deren einzelne Stücke Du in dem weißen Schrank in der Schlafstube findest. [egh. Zeichnung Pflanzenpresse] Löschpapier muß auch noch da sein. Bitte, lege aber alle Pflanzen grade in der Ordnung um, wie ich sie schicke, auch die Zettel dabei gelegt, sonst finde ich mich Ostern am Ende selbst nicht mehr heraus. Zwischen je 2 Lagen Pflanzen müssen immer 3–5 Bogen Löschpapier zu liegen kommen und dies muß alle 2–4 Tage gewechselt werden. Inzwischen trocknest Du das andre an der Luft. Am besten wirst Du es dazu in der Stube ausbreiten.

a korr. aus: schädelich; b korr. aus: auß; c korr. aus: Mich; d irrtüml. Dopplung: mich; e gestr.: es; f gestr.: Koelliker; g gestr.: nach; h irrtüml.: Ängsten; i gestr.: wegen; j gestr. und wieder korr.: je

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-08-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 41453
ID
41453