Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Ostwald, Jena, 30. Juli 1918

Jena 30. Juli 1918.

Lieber und hochverehrter Freund!

Seit 2 Monaten sind diese Zeilen in Gedanken unterwegs und sollten Ihnen meinen herzlichsten Dank für Ihren freundlichen letzten Brief bringen, und für Ihre schönen Studien zur Farbenlehre , insbesondere mit Rücksicht auf Goethe und Schopenhauer. Ich hatte aber in dem letzten Vierteljahr so übermässige Arbeit, dass ich kaum wusste, womit zuerst anfangen? Das beiliegende Blatt Nr. 169 der „Jena-Zeitung“ wird Ihnen erklären, dass meine letzte „Gründung“, das neue „Genetische Museum“ (– als Ergänzung des „Phyletischen M.“!) alle meine Kräfte – oder vielmehr den letzten schwachen Rest derselben, mit 84 Jahren – vollauf in Anspruch nahm; nun bin ich „fertig “ (in doppeltem Sinne) und sehe der letzten Reise, in die „Nirvana“, mit heiterer Seelenruhe und buddistischer Resignation entgegen. || Unser Wunsch ist, in dem neuen „Genetischen Museum“ zugleich eine Zentralstelle für unsere Monistische Philosophie (im weitesten Sinne!) zu schaffen und womöglich eine Zeitschrift herauszugeben, welche die verschiedenen Richtungen des Monismus auf der gemeinsamen Grundlage der Entwicklungslehre vereinigt. Wir bedauern dabei immer auf’s Neue, dass Sie, hochverehrter Freund, Ihre Stellung als Praesident des D. Monistenbundes, in der Sie 5 Jahre hindurch so Vieles für dessen Gedeihen geleistet, haben aufgeben müssen.

Ich selbst werde leider Nichts mehr für unsere gemeinsamen wissenschaftlichen Ziele leisten können; die „Kristallseelen“ (1917) sind meine letzte Arbeit gewesen. Ich hätte gern einmal eine Kritik derselben von Ihnen gehört. Überhaupt würde ich mich sehr gefreut haben, Sie noch einmal hier zu sehen. Wahrscheinlich wird mein schwaches Lebensflämmchen nur noch einige Monate (– oder Wochen ? –) flackern.

Indem ich Ihnen meinen herzlichsten Dank für alle erwiesene Freundschaft wiederhole, bleibe ich stets Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

Jena 8.8.18.

Wieder sind 8 Tage vergangen, ohne dass ich den angefangenen Brief vom 30.7. vollenden konnte. Die schwierige „Metamorphose“ der Villa Medusa in ein „Museum für Generelle Genetik“ nimmt alle meine „Energie“ für sich in Anspruch. Direktor desselben wird Dr. Heinrich Schmidt, dessen vortreffliches neues Buch über „Geschichte der Entwicklungslehre“ (550 Seiten, Kröner), die Frucht gründlicher, vielseitiger Arbeit und historischer Kritik, wirklich eine Lücke in der Literatur ausfüllt. Da er jetzt schon 44 Jahre alt ist und zahlreiche Vorträge in 30 oder mehr Städten mit Beifall gehalten hat, hoffe ich dass er auf Grund dieser bedeutenden Leistung die Venia docendi und den längst verdienten Professor-Titel erhalten wird. Die reichen literarischen, biographischen und künstlerischen Sammlungen, die ich im Laufe 60jähriger Arbeit zusammengetragen habe, werden ihm dankbaren Stoff für viele Jahre schriftstellerischer Arbeit geben.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-07-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ostwald
Signatur
1041, 50/48
ID
41448