Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Ostwald, Jena, 30. Dezember 1914

Jena 30.12.1914.

Lieber und verehrter Freund!

Für Ihre interessanten, heute erhaltenen Mitteilungen über Ihre erfolgreiche patriotische Tätigkeit als „Kriegsfreiwilliger“ in Schweden danke ich Ihnen bestens; ich hatte sie bereits teilweise durch die Presse erfahren. Ihre treffende, völlig der „Reinen Vernunft“ entsprechende Kritik der strategischen Führung und militärischen „Vorsehung“ des „lieben Gottes“ (– speziell für den „Privat-Gebrauch“ S. M.! –) hat natürlich dem orthodoxen Geh. Kirchenrat willkommene Gelegenheit gegeben, den herrschenden religiösen Aberglauben zu verherrlichen – als ob nicht täglich die entsetzlichen Ereignisse des gigantischen Weltkrieges für jeden unbefangenen und klar denkenden Beobachter seine Unhaltbarkeit bewiesen! ||

Sie haben wohl auch gestern die merkwürdige „Erklärung der Professoren Großbritanniens an die Deutschen Akademischen Kreise“ erhalten (– unterzeichnet von mehr als 100 Dozenten, darunter unsere namhaftesten Freunde!! –). Es wäre sehr erwünscht, wenn Sie darauf im „Monistischen Jahrhundert“ die gebührende Antwort erteilten. Vielleicht läßt sich auch eine treffende „Gegenerklärung“ unserer besten Deutschen Collegen gegen diesen Unsinn ermöglichen!

– Ich selbst bin leider zu literarischer Untätigkeit verurteilt; meine Gesundheit und Arbeitsfähigkeit nimmt stetig ab. Die tausend Sorgen um Vaterland und Menschheit, die wachsende Trauer um die barbarische Zerstörung von unermesslicher Kulturarbeit, die schweren Verluste in Familien und Freundes-Kreisen, rauben mir Schlaf und Gemütsruhe und zerstören den Rest meiner Kräfte. – Hoffen wir trotzdem, daß das bevorstehende Jahr 1915 uns entscheidenden Sieg und dauernden Frieden bringt!

Mit besten Wünschen treulichst

Ihr Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-12-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ostwald
Signatur
1041, 50/39
ID
41440