Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Ostwald, Jena, 6. März 1914

Herrn Geheimrat

Prof. Dr. Wilhelm Ostwald sen.

Landhaus „Energie“

Jena 6. März 1914.

Lieber und hochverehrter Freund!

Heute sind schon 8 Tage verflossen, seitdem Sie mich mit Ihrem Sohne und mit Herrn Riess besuchten, um mir das herrliche Ehrenbuch meines Lebens, die grossartige Dankschrift zum 80sten Geburtstage, persönlich zu überreichen. Täglich habe ich die Feder ansetzen wollen, um Ihnen meinen herzlichsten Dank für dieses wertvollste aller Geburtstags-Geschenke schriftlich zu wiederholen. Aber der colossale Berg von 1600 Postsendungen (– cc. 800 Telegramme, 500 Briefe 300 Karten, 200 Adressen etc –) vor dem ich täglich seufzend stehe, lässt mich erst heute zur Erfüllung dieser Dankespflicht gelangen. ||

Nun hat mir am vorigen Montag Herr Dr. Manitz das Pracht-Exemplar dieser ehrenvollen, in ihrer Art wohl einzigen Festschrift überbracht, welche der Deutsche Monistenbund mir als seinem Gründer und Ehrenpraesidenten gewidmet hat. Schon die erste flüchtige Durchsicht derselben hat mich überzeugt, dass die darin gesammelten Bekenntnisse der verschiedensten Bildungsklassen und Nationen, von Männern und Frauen mannichfaltigster Geistestätigkeit, mehr sind, als blosse Zeugnisse persönlicher Dankbarkeit und Verehrung; vielmehr aufrichtige Äusserungen naturphilosophischer Überzeugungen, welche sowohl der theoretischen Weltanschauung als der praktischen Lebensführung unseres Monismus gelten. ||

In nächster Woche gedenke ich meinen Danke an unsere stetig wachsende Monisten Gemeinde in einer kurzen Kundgebung im „Monistischen Jahrhundert“ Ausdruck zu geben.

Vor Allem aber gebührt mein aufrichtigster Dank Ihnen, lieber Freund, der Sie Ihr seltenes Talent und Ihre rastlose Energie seit 3 Jahren in den Dienst unserer guten Sache gestellt und sie erfolgreich in weitesten Kreisen gefördert haben.

Mit dem herzlichen Wunsche, dass Sie diese unschätzbare Wirksamkeit zur Verbreitung vernunftgemässer Weltanschauung auf Grund wissenschaftlicher Natur-Erkenntnis noch viele Jahre glücklich fortsetzen, bleibe ich treulichst

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-03-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ostwald
Signatur
1041, 50/28
ID
41428