Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Ostwald, Jena, 22. Januar 1914

Jena 22.1.1914.

Lieber und hochverehrter Freund!

Ihr freundlicher Brief vom 12.1. hat mich sehr erfreut; herzlichen Dank dafür! Auch ich theile Ihre Überzeugung, dass die gute Sache unseres Monismus, für welche Sie so viele wertvolle Dienste leisten, in erfreulichem Aufgang begriffen ist, trotz (– oder mit Hilfe! –) der heftigen Angriffe unserer dualistischen Gegner. Über Ihre vortrefflichen und höchst anregenden „Sonntags-Predigten“ höre und lese ich so viele Urteile – begeistert von der positiven, verdammend von der negativen Seite! – dass ich überzeugt bin, sie werden im Laufe des von Ihnen 1911 in Hamburg eröffneten Monistischen Jahrhunderts und darüber weit hinaus, andauernd eine wertvolle Quelle der Anregung und Aufklärung bleiben. || Besonders erfreulich ist mir die beständig wachsende Teilnahme des Auslandes (Italien, Frankreich, England, N. America). Heute erhielt ich von meinem alten Freunde Sir John Murray (Edinburgh, Challenger Lodge) dem verdienstvollen Director des Challenger-Werkes, einen Beitrag von £ 50 (– = 1000 Mk) für den „E. H. Schatz für Monismus“. Ich habe ihn sogleich an C. Riess nach Hamburg gesandt und zugleich die Ortsgruppe München (– die ja wohl meine vor 2 Jahren geschenkten 25 Landschafts-Bilder zur Verfügung hat –) ersucht, ein Aquarell an Murray zu senden, entsprechend Ihrer Mitteilung in Heft 40. des „Monistischen Jahrhunderts (S. 1152). ||

Die Mitteilungen über Veranstaltungen von Feiern des 80. Geb.tages in verschiedenen Vereinen und Städten mehren sich in etwas beängstigender Weise. Ich muss allen persönlichen, für diesen Tag geplanten Festlichkeiten aus dem Wege gehen – schon meiner schwankenden Gesundheit halber – und werde die 8 Tage vom 12. – 20. Februar ausserhalb Jenas zubringen; Wo? ist noch unbestimmt, ich habe die Wahl zwischen 3 verschiedenen freundlichen Einladungen.

Innerhalb der nächsten 3 Wochen muss ich noch eine kleine Broschüre (von wenigen Bogen) vollenden, in welcher ich von meinem Lese-Publicum definitiven Abschied nehme, und die bei A. Kröner in Leipzig (dem Verleger der „Welträtsel“ und „Lebenswunder“) erscheinen wird. Das ist der Abschluss der wissenschaftlichen und namentlich naturphilosophischen Arbeiten mit denen ich mich 60 Jahre lang geplagt habe. || Falls ich das nächste Jahr noch in leidlicher Gesundheit verlebe, will ich es ausschliesslich meiner Leidenschaft für (bildende) Kunst widmen und der Vollendung meiner „Lebenserinnerungen“ (besonders Studiengang, Reisen, Verkehr mit hervorragenden Männern); ich arbeite daran schon seit Jahren, bin aber wegen des überreichen Materials nur sehr langsam vorwärts gekommen. –

Mit herzlichsten Grüssen und besten Wünschen für Ihre bewunderungswürdige „Energie“

stets Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

P.S. Denken Sie täglich an Ihren „Energetischen Imperativ!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-01-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ostwald
Signatur
1041, 50/25
ID
41427