Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Ostwald, Jena, 12. Dezember 1912

Jena 12.12.12.

Lieber und verehrter Freund!

Soeben erhalte ich den erfreulichen Brief vom 4.12., den Sie auf der Rückreise von Teneriffa vor 8 Tagen der „Deutschen Seepost“ übergeben haben. Ich beeile mich, Ihnen sofort meinen herzlichen Dank dafür auszudrücken (– an dem „kritischen Posttage“ 12, 12, 12), und meine Freude, daß Ihnen die Erholungsreise nach der „Insulae fortunatae“ die gehoffte „Verjüngung“ und „Energie-Regeneration“ gebracht hat. Gehen Sie jetzt nur hübsch sparsam mit den neu gewonnenen Kräften um und betätigen Sie Ihren „Energetischen Imperativ“ praktisch. Lassen Sie sich zu Weihnachten einen recht großen Papierkorb schenken, für die Masse von überflüssigen Briefen und Drucksachen, die sich in den letzten Monaten während Ihrer Abwesenheit zu Haufe angehäuft haben werden. || Meinen Dank für die freundliche Karte (mit Dracaena ), die Sie mir zusammen mit Richard Hertwig aus Oratava sandten, werden Sie dort nicht mehr erhalten haben. Ich habe oft an Sie gedacht, in Erinnerung an die herrlichen Genüsse der subtropischen Natur, die ich vor 46 Jahren an den Küsten und in den vulkanischen Gebirgen von Teneriffa gehabt habe; das ideale Klima und die herrlichen Seebäder werden Sie jetzt oft vermissen!

– Inzwischen macht unser Monismus erfreuliche Fortschritte und gewinnt immer größeres Gewicht, was am deutlichsten aus den gehässigen Angriffen unserer dualistischen Gegner zu ersehen ist. Ihre vortrefflichen „Sonntags-Predigten“ haben einen Haupt-Anteil daran; ich kann nur wünschen und hoffen, daß Sie das Praesidium des Monistenbundes, daß Sie vor 2 Jahren übernommen haben, noch lange mit gleichem Erfolg fortführen. ||

Von mir kann ich Ihnen nichts Besonderes berichten. Die letzten Monate habe ich größtenteils zur Ordnung des reichen, im Phyletischen Archiv angesammelten Materials benutzt. Auch habe ich die schon vor längerer Zeit begonnene Autobiographie wieder aufgenommen; es geht aber damit sehr langsam vorwärts. Meine Gesundheit bessert sich nicht; der Mangel an freier Ortsbewegung ist mir sehr hinderlich.

Für das bevorstehende Weihnachts-Fest und das kommende Neue Jahr sende ich Ihnen und Ihrer Familie meine besten Glückwünsche!

Mit den herzlichsten Grüßen

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-12-1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, NL Ostwald
Signatur
1041, 50/19
ID
41420