Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hans Meyer, Jena, 20. März 1918

Jena 20. März 1918.

Mein lieber Hans!

Übermorgen wirst du im Schoosse Deiner glücklichen Familie Deinen 60sten Geburtstag feiern, – den ersten als Grossvater! Hoffentlich erfreuen die vier Generationen, die Dir als „Patriarchen“ der Familie H. M. vereinigt ihre Glückwünsche darbringen werden, – („Urahne, Grossmutter, Mutter und Kind“) – sich Alle befriedigenden Wohlseins und erfüllen die Hoffnungen, die Du für sie tragen kannst!

Du selbst kannst ja mit gerechtem Stolze auf die sechs Dezennien Deines fruchtbaren und reich gesegneten Lebens zurückschauen: Wie Vieles und Grosses hast Du der modernen Kulturwelt – und besonders dem Deutschen Vaterlande geschenkt: als Chef des Bibliographischen Instituts und des besten grossen Konversations-Lexikon, als Geograph und Ethnograph, als Forschungs-Reisender in beiden Welten, als Deutscher Patriot und Förderer aller höheren Geistestätigkeit! ||

Als Dein treuer und Dich sehr hoch schätzender Schwiegervater (seit 27 Jahren) sende ich Dir von Herzen meine besten Glückwünsche! Mögest Du noch viele Jahre Dich Deines häuslichen Familien-Glückes und der reichen Erfolge Deiner unermüdlichen Lebenstätigkeit erfreuen! Ich hatte den Wunsch, diese feierliche Gratulation nicht nur mit Worten auszudrücken, sondern auch durch ein passendes, Dich erfreuendes Geschenk; da Du aber so viel von Büchern und Bildern schon besitzest, ist es schwer eine Wahl zu treffen. Nun wollt Ihr ja schon in 10 Tagen mich hier durch Euren Osterbesuch erfreuen; da denke ich wird es am besten sein, wenn Du selbst Dir aus meiner Bücherei etwas Passendes aussuchst. ||

Von mir kann ich Dir leider nichts Erfreuliches berichten. Die Kräfte-Abnahme, die schon seit Anfang Februar beständig wächst, hat sich seit Beginn meines 85. Lebensjahres verschlimmert. Ich hatte wiederholte Anfälle von Schwindel und von bedenklicher Herzlähmung. Dazu kommen noch die alten rheumatischen Gelenkschmerzen, die mich seit mehr als 60 Jahren plagen.

Kurz es ist hohe Zeit, dass ich mich zur letzten Reise vorbereite, in die ersehnte buddhistische „Nirwana“!

Arbeiten kann ich leider Nichts mehr! Immerhin hoffe ich doch noch das nahe Sommersemester durchzuhalten und mich noch einmal (– in Eurer lieben Gesellschaft! –) der Reize des Deutschen Sommers in meinem lieben Saaltal zu erfreuen!

Mit herzlichsten Grüßen an Dich und die Deinen

Dein treuer Schwiegervater Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-03-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Privatbesitz
Signatur
A 41396
ID
41396