Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Otto Lehmann, Jena, 8. Februar 1906

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER UNIVERSITÄT JENA

Jena 8.2.1906.

Hochgeehrter Herr College!

Für Ihre hochinteressanten Mitteilungen über fließende u. flüssige Crystalle sage ich Ihnen meinen besten Dank! Schon vor einem Jahre, als Ihr schönes Werk über „flüssige Krystalle“ Gegenstand einer eingehenden Discussion in unserer Naturwissenschaftlichen Gesellschaft war und sowohl von Physikern u. Chemikern, als von den Mineralogen und Biologen als eine hochbedeutende Arbeit anerkannt wurde, nahm ich daran das lebhafteste Interesse, und bedauerte nur sehr, daß Ihre wichtigen Entdeckungen nicht schon vor Publication meiner „Lebenswunder“ (1904) bekannt geworden waren; ich würde sie dann im II. Kapitel als wertvolle Stütze meiner eigenen Ansichten verwendet haben. || Sollte Ihnen mein Buch über die „Lebenswunder“ in Karlsruhe durch meine Collgen Nüsslin oder W. May nicht zugänglich sein, so werde ich es Ihnen gern senden. Sie finden darin, besonders in Kap. 2, (S. 46), 8 (S. 197), 11 (S. 293), 12 (S. 306) u. s. w. eingehende Betrachtungen über das „Leben der Krystalle“, ihre Gestaltung und Vermehrung und ihre nahen Beziehungen zu den Moneren (Chromoseen und Bacterien), jenen einfachsten Organismen, deren Körper noch keine „Zelle“ ist, sondern ein „strukturloser“ Plasmakörper; sie werden von der modernen, scholastischen „Zellen-Dogmatik“ meistens ignorirt. ||

Noch viel eingehender habe ich die „Einheit der organischen und anorganischen Natur“ und die engen Beziehungen zwischen Krystallen und einfachen organischen Individuen vor 40 Jahren in meiner längst verschollenen „Generellen Morphologie“ behandelt, einem Werk das viele neue Gedanken enthält, aber fast keine Beachtung gefunden hat. Das fünfte Kapitel des II. Buches („Organismen und Anorgane“, Bd. I, S. 109–166) dürfte für Sie noch heute actuelles Interesse haben. Mein trefflicher Schüler, Walther May, wird Ihnen das Buch besorgen können. Die dort angestellten Betrachtungen über „Zellenbildung und Crystallbildung“, die Aggregatzustände und Wachstums-Verhältnisse bei organischen und anorganischen Individuuen werden Sie interessiren. ||

Wichtig scheint es mir, die Versuche von Lavalle (S. 159) über „Correlation der Teile“ in den Krystallen zu wiederholen, ebenso die von Reil u. A. Die Moneren bilden in der Tat die continuirliche Brücke zwischen den Krystallen und den echten (kernhaltigen) Zellen. – Höchst interessant waren mir Ihre Beobachtungen über die spontanen Bewegungen Ihrer „lebenden Krystalle, Trichtiten“ u. s. w. Ich habe gestern Ihre schönen photographischen Abbildungen, die mir Herr Dr. Siedentopf in Ihrem gütigen Auftrage zeigte, mit größtem Interesse bewundert. Ich sende Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche zu Ihren bedeutungsvollen und bahnbrechenden Entdeckungen! Mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebenster

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-02-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Karlsruher Institut für Technologie
Signatur
KIT-Archiv, 27059/1
ID
41365