Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg Ebers, Jena, 28. Januar 1871

Jena 28 Jan 71

Lieber Freund und College!

Verzeihen Sie, daß ich erst heute Ihren freundlichen Brief beantworte. Aber ich bin in den letzten fünf Wochen fast ausschließlich mit Beruf und Familie – nämlich1, mit meiner Berufung nach Wien, ad 2, mit Vermehrung meiner Familie um ein munteres Töchterlein (am 10. Jan. geb.) beschäftigt gewesen. Was das letztere betrifft, so ist es munter und macht uns viele Freude. Auch meine Frau, die immer etwas schwer bei dem Entbindungs-Acte zu leiden hat, befindet sich leidlich, und wird hoffentlich bald wieder ganz munter sein. Unser kleiner Junge ist jetzt allerliebst. ||

Die Berufung nach Wien habe ich endlich vorgestern, nachdem ich mir die Sache fünf Wochen lang von allen Seiten überlegt und möglichst Erkundigungen eingezogen, ablehnend beantwortet. Ich war in den ersten acht Tagen nach Empfang des Rufes eigentlich schon entschlossen, denselben anzunehmen, und stand in Begriff, selbst nach Wien zu reisen, um Alles persönlich zu vereinbaren. Da erhielt ich noch zu rechter Zeit sehr ausführlich Auskunft über die speciellen Verhältnisse meiner zoologischen Stellung, die mir diese in einem ganz anderen Lichte – und zwar in einem sehr dunkeln – erschienen ließen. Es ist nämlich noch ein zweiter Professor der Zoologie – Schmarda – bereits lange in Wien, und || dieser soll sich in Bezug auf Direction der Sammlungen, Abhaltungen der Examina, der Vorlesungen etc., so viele Ansprüche und Vortheile zu sichern gewußt haben, daß ich entweder in beständigen Conflicten mit ihm, oder in vielfachen Nachtheilen mich befunden haben würde. Außerdem konnte ich auch kein zoologisches Institut in dem von mir gewünschten Umfange erhalten, da dieses erst kürzlich mit großen Costen für einen anderen Zootomen – Prof. Brühl – eingerichtet worden ist. Ich würde also durchaus keine selbständige und völlig unabhängige Stellung, und selbst nicht einmal die Hülfsmittel erlangt haben, die ich hier besitze. Dies war der Hauptgrund, weshalb ich mich endlich zur Ablehnung entschloß. Außerdem bin ich jetzt hier so nett eingerichtet, daß ich die von mir erst geschaffenen Institute und Sammlungen schwer entbehrt haben würde. ||

Das Schicksal der von Ihnen in Ägypten gesammelten Fische hat mir sehr leid gethan, um so mehr, als Ihre ganze Mühe damit vergeblich gewesen ist. Es sind derlei Fälle schon viel vorgekommen! Deßungeachtet sage ich Ihnen nochmals meinen herzlichsten Dank für Ihre gütige Besorgung, nicht minder, als wenn die Bestien im schönsten Zustande hier eingetroffen sein würden.

Es freut mich sehr, zu hören, daß Sie mit Ihrer Leipziger Stellung so zufrieden sind. Bitte, grüßen Sie Ihre hochverehrte Frau Gemahlin a von mir und meiner Frau bestens, und seien Sie selbst freundlichst gegrüßt von Ihrem

treu ergebenen

Haeckel.

P.S. Wenn Sie Coll. Czermak und Victor Carus sehen, bitte ich dieselben freundlichst zu grüßen, und ihnen meinen Entschluß, hier zu bleiben, mitzutheilen.

a gestr.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-01-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
DLA Marbach, Handschriftenabteilung
Signatur
A: Ebers
ID
41193