Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 22. März 1919

Jena 22.3.1919.

Lieber Herr Doktor!

Ihr freundlicher Glückwünsch zu meinem 85. Geburtstage hat mich unter den zahlreichen (über 400) Postsendungen am 16.2. ganz besonders erfreut; weiß ich doch, daß er aus treuem, dankbarem und verständnisvollem Herzen kommt. Das ist ja leider bei vielen anderen nicht der Fall! Mein jüngster und letzter Schüler, Professor Julius Schaxel ist dem Vorbild von Oskar Hertwig und W. Roux gefolgt. In seiner kürzlich erschienenen Arbeit über biolog. Theorien tritt er plötzlich als Gegner des Biogen. Grundgesetzes auf und verherrlicht den Vitalismus von Hans Driesch, der mir vor 20 Jahren schon – (unter Anleitung von Otto Liebmann) – eine ganze Gruppe von früheren Schülern abspenstig gemacht hat (Haacke, Herbst etc) ||

Daß ich Ihnen meinen herzlichen Dank erst jetzt – nach 5 Wochen – ausspreche, müssen Sie damit entschuldigen, daß meine Gesundheit und Arbeitskraft jetzt beständig abnehmen. Ich kann fast nicht mehr gehen und bin den ganzen Winter nicht aus dem Haus gekommen. Ihre pessimistischen Ansichten über das tobende Irrenhaus der modernsten (– christlichen! –) Kultur muß ich leider vollkommen teilen. Ich bin froh, daß ich nur noch wenige Monate der großen Tragoedia: „Finis Germaniae“ zuzuschauen zu habe. Auch für unsere speziellen wissenschaftlichen Interessen erblicke ich keinen erfreulichen Ausweg aus diesem Chaos! (Mein „Genetisches Museum“ wird wohl überhaupt nicht zu Stande kommen, – gleich vielen anderen schönen Projekten!)

– Mit herzlichen Grüssen und besten Wünschen

treulichst Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-03-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41175