Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 4. Februar 1919

Jena 4.2.1919.

Lieber Herr Doktor!

Daß Kröner keine Lust zu neuen Buch-Unternehmungen hat, erklärt sich aus den Chaos-Zuständen unserer republikanischen Metamorphose. Seit 2 Monaten seit Ausbruch der D. Revolution ist der Buchhandel lahmgelegt. Die Herstellung neuer Bücher (besonders illustrierter) kostet 6–8 mal so viel, wie im October 1918. Wenn Sie trotzdem, in Hoffnung auf bessere Zukunft, die neue Bearbeitung meines Protistenreiches wagen wollen, steht Ihnen meinerseits Nichts im Wege. Sie könnten dann das verbesserte System der „Systematischen Phylogenie“ (1894, I. Bd.) oder die 11. Auflage der Natürl. Schöpfungsgesch. (1909) zu Grunde legen. Für die Protophyten (= Niedere Algen) ist Engler (Pflanzen Familie I. Bd.) sehr brauchbar, für die Protozoen die neue Aufl v. Doflein; außerdem die bekannten Lehrbücher von Strasburger, Wettstein, R. Hertwig, Bütschli ||

In diesen Lehrbüchern und im „Archiv für Protistenkunde“ (Schaudinn) sind auch die Monographie und die zahlreichen einzelnen Arbeiten angegeben. Der Stoff ist aber neuerdings so kolossal gewachsen, daß ich Ihnen nur raten kann, sich kurz zu fassen. Meine eigene, sehr reiche Literatur über Protisten habe ich leider fast ganz an die Bibliothek des Zoologischen Instituts geschenkt. Deren Direktor, Prof. Plate, erschwert die Benutzung möglichst und verweigert sie nach aussen ganz. In den Büchern meines Archives befindet sich sehr wenig davon. Die Durchsicht der zahlreichen einzelnen Artikel in Zeitschriften und Monographien, – besonders auch den Zoolog. und Botanischen Jahresbericht! – ist hier nur an Ort und Stelle möglich, außerdem sehr zeitraubend, und für Ihre Zwecke überflüssig. Die Hauptaufgabe ist das Zusammenfassen des Wesentlichsten, und die [xxx] und kritisch vergleichende Methoden! ||

– In Bezug auf unsere Deutsche Zukunft – in der Wissenschaft nicht weniger als in der Wirtschaft und Weltgeltung! – bin ich jetzt ganz pessimistisch, – noch mehr wie Sie! Ich sehe nicht ein, wie das gute deutsche Volk – das politisch noch in den Kinderschuhen steckt und keine staatsmännischen Talente produziert! – aus dem Sumpfe des jetzigen beispiellosen Zusammenbruchs sich herausarbeiten soll? – Auswandern scheint mir, für die nächste Generation wenigstens! für unsere Enkel noch das Beste; und da hat der von Ihnen jetzt gegründete „Hilfe- und Schutz-Verband für Auswanderer“ meine volle Sympathie. Meinem einzigen Sohne, dem Maler in München (auch schon 50 Jahre alt) – der die wahnsinnige bayerische Politik (Kurt Eisner! etc) besonders schwer empfindet, habe ich geraten, seine Kinder für die Auswanderung nach Südamerika zu erziehen!

Mit besten Grüßen treulichst

Ihr alter Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
04-02-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41174