Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 2. September 1918

Jena 2.9.1918.

Lieber Herr Doktor!

Mit herzlicher Teilnahme erfahre ich durch Ihren heute erhaltenen Brief, daß Ihre liebe Frau schwer erkrankt war und sich einer schwierigen Ovarial-Operation unterziehen mußte. Hoffentlich wird sie deren Folgen gut überstehen und Sie bald ganz außer Sorge setzen.

Was die neue „Gesellschaft zur Förderung der Entwickelungslehre“ betrifft, so bin ich durch deren Begründer, Dr. Heinrich Schmidt und Dr. Richard Rahner, ebenso überrascht worden, wie Sie. Als mir H. S. (– nach der Abreise von R. R. –) davon Mitteilung machte – durch die gedruckte Anzeige –, habe ich ihm auch meine Bedenken gegen diese neue „Gründung“ nicht verhehlt. Denn irgend eine bedeutende Finanz-Kraft ist nicht damit verknüpft, und gerade in der knappen Geldnot der Gegenwart, sehe ich keine Aussicht eine solche zu gewinnen. ||

Ich fürchte, daß Schmidt seine neue Aufgabe, ebenso wie die Direktion des Hkl.-Museums, zu sanguinisch auffaßt und daß sein berechtigter Erfolg mit seinem neuen Buch, der „Geschichte der Entwicklungslehre“ seine Hoffnungen zu hoch spannt. Denn die großen Geldsummen, die er von den Herren Ludowici (Jockgries) und Umrath (Prag) zu erhalten hofft, sind noch keineswegs sicher gestellt. –

Ich selbst habe gleich erklärt, daß ich mich über jede Förderung unserer gemeinsamen monistischen Zwecke zwar freue, aber mit der neuen „GründungNichts zu tun haben will. Ich habe mit der ganzen Gründung und unermeßlichen Korrespondenz des Monistenbundes etc seit 12 Jahren (oder länger!) so viel Ärger und vergebliche Mühe gehabt, daß ich für meine letzten Monate (– oder Wochen? –) endlich Ruhe haben will. ||

Ihrem Wunsche gemäß sende ich Ihnen Ihre Denkschrift anbei mit bestem Dank zurück, und würde mich freuen, wenn Ihre vorgeschlagene Reorganisation des Monistenbundes in dieser oder einer ähnlichen Form realisiert werden könnte. Mit Ihren theoretischen Ansichten ganz einverstanden kann ich allerdings meine Bedenken gegen die Zusammensetzung des „Kuratoriums“ und die 2 besoldeten Direktoren nicht verhehlen.

– Was meinen literarischen Nachlaß und besonders den umfangreichen Briefwechsel betrifft, so würde ich mich freuen, wenn Sie denselben teilweise biographisch verwerten könnten. Die Disposition darüber hat mein Sohn, den ich über die Auswahl der Briefe (– die ja großenteils vertraulich sind! –) demnächst instruieren werde. Er wird am 9.9. auf 6 Wochen herkommen. ||

Wenn Sie später aus unserem persönlichen Briefwechsel noch Einiges biographisch verwerten wollen, so erteile ich Ihnen dazu meine ausdrückliche Erlaubnis. Ich vertraue dabei sowohl auf Ihren literarischen Takt und Ihre aufrichtige Wahrheitsliebe, wie auf die treue freundschaftliche Gesinnung, welche Sie mir als eifriger und verständnisvoller Schüler nahezu 40 Jahre lang bewahrt haben.

Indem ich Ihnen meinen herzlichsten Dank für alle erwiesene Liebe und Treue beim Abschied wiederhole, bleibe ich mit den aufrichtigsten Wünschen für Ihr Wohlergehen.

Ihr alter (– pessimistischer!)

Ernst Haeckel.

P.S. Meine „Studien zur Gastraea-Theorie“ und die „Wanderbilder“ (40 Blätter) haben Sie wohl bereits? Sonstige Bücher-Wünsche bitte ich zu äußern!

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
02-09-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41170