Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 14. November 1916

Jena 14.11.16.

Lieber Herr Doktor!

Ihrem Wunsche entsprechend sende ich Ihnen beifolgend noch 20 Explr. meines Artikels über „Monismus & Landeskirche“. Die Ansichten darüber gehen innerhalb des Monistenbundes weit auseinander, je nach der verschiedenen Auffassung des Begriffes „Religion“!

Die Tätigkeit des Monistenbundes (der durch den Tod des interimistischen Präsidenten Dr. Müller-Lyer in eine neue Krisis versetzt ist, wird unter den ungünstigen Verhältnissen des Weltkrieges immer noch lahm gelegt – wie es ja anderen „Bünden“ & Zeitschriften auch ergeht. Ich hoffe, daß nach erfolgtem Frieden (– Wann? Wie? Wo? –) ein neuer Aufschwung erfolgen wird, auch für Ihre „Neue Weltanschauung“. ||

Leider werden ja die Aussichten auf baldigen Friedensschluß immer schlechter! Ich sehe die jetzige Lage des Weltkrieges bei der beispiellosen Verwickelung aller Verhältnisse für uns sehr pessimistisch an – gleich vielen älteren, nüchternen und erfahrenen Kollegen. Ich fürchte, daß England (im Bunde mit Nordamerika!) seinen „Aushungerungsplan“ durchsetzen wird. Unser deutsches Volk, Heer und Flotte, leisten alles Mögliche; aber die Übermacht der Feinde wird immer fühlbarer. Und uns fehlt ein großer Staatsmann, ein „Bismarckscher Geist“! Die deutsche Diplomatie ist fast überall jämmerlich; – so ist unser Staatssekretär des Auswärtigen, von Jagow, völlig unfähig! Der Kaiser macht große Fehler in seinem romantischen „Idealismus“! ||

– Das „Phyletische Archiv“ ist in den beiden Räumen der Univers. Bibliothek befriedigend untergebracht und wird von Dr. Heinrich Schmidt gut besorgt. Er arbeitet fleißig an seiner „Geschichte der Entwickelungslehre“, von der der erste Band 1917 erscheinen soll.

Die Angriffe auf Stammesgeschichte und Monismus, welche der moderne Vitalismus (Driesch, Wiesner, Oskar Hertwig etc) scheinbar mit Erfolg fortsetzt, halte ich für vorübergehende Störungen ohne Bedeutung.

Persönlich geht es mir leidlich; ich lebe sehr still und arbeite an meinen Reise-Erinnerungen und biographischen Sammlungen. Die zunehmende „Hungersnot“ und der Mangel an den verschiedensten Kultur-Bedürfnissen (– und Arbeitskräften! –) wird auch hier immer fühlbarer!

Mit besten Grüssen

Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
14-11-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41163