Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 25. Juli 1916

Jena 25.7.1916.

Lieber Herr Doktor!

Ihr bevorstehender Besuch hier in Jena wird mir sehr willkommen sein! Ich habe viele und wichtige Fragen mit Ihnen gründlich zu besprechen (Monismus! Zeitschrift! Phyletisches Archiv – zu einem umfassenden „Genetischen“ erweitert, – „Generelle Genetik“ u.s.w.).

Leider kann ich Ihnen persönlich keine Gastfreundschaft anbieten, da die Lebensmittelnot groß ist; wir leben hauptsächlich von Kartoffeln und Gemüse! Dagegen soll man in den kleinen Gasthäusern noch relativ gut und genügend zu essen bekommen: Weimarischer Hof, Stern, Weim. Bahnhofs-Restauration (auch Zimmer). ||

Da ich leider nicht mehr reisen kann, auch nicht mehr produktiv arbeiten, steht meine Zeit Ihnen zur Disposition (ausgenommen die Mittagsruhe von 1–4; – ich schlafe leider schlecht). Wahrscheinlich wird dieses Wiedersehen unser letztes sein; denn es geht mit meinen Kräften stets abwärts! Ich glaube nicht, daß ich den bevorstehenden dritten Winter des wahnsinnigen Weltkrieges überleben werde. Ich sehe sehr pessimistisch in die Zukunft! Mag auch unser Volk (Heer und Flotte) noch so tüchtig sein, ich fürchte, daß das idealistische Deutschland die seit Jahrhunderten festgegründete Weltherrschaft des realistischen (und rein egoistischen!) Englands nicht wird brechen können! Und welchen Frieden wird S. M. – W. II. – als „Instrument des Herrn“ zusammenkleistern??

– Auf baldiges frohes Wiedersehen hofft

Ihr alter Ernst Haeckel.

P.S. Bitte mir von den „Monistischen Bausteinen“ noch 12 gebundene Exemplare zu sendena

a Text weiter am linken Rand von S. 2: P.S. … senden

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
25-07-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41162