Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 12. Mai 1916

Jena 12.5.16.

Lieber Herr Doktor!

Ihren pessimistischen Ansichten über die verfahrene Lage unseres Monistenbundes muß ich leider zustimmen, es ist aber gegenwärtig Nichts zu bessern, es fehlt an richtiger Leitung und praktischer Betätigung; auch gehen die verschiedenen Richtungen der Ortsgruppen zu weit auseinander. Nachdem ich 10 Jahre lang so viel Mühe und Arbeit darauf verwendet habe, verzichte ich jetzt auf weiteren Erfolg.

Ebenso resigniert bin ich in wissenschaftlicher Beziehung; die jüngere Biologen-Generation – mit ihrer „Experimental-Entwicklung“ – Mendelismus, Zellkern, Chromosomen-Zersplitterung etc – hat meistens den Sinn für wirkliche historische Entwicklung der organischen Formenwelt verloren. ||

Das neueste Buch von Oskar Hertwig „Das Werden der Organismen“ übertrifft meine schlimmsten Erwartungen. Es ist eine neue verschlechterte Auflage des albernen, vor 40 Jahren (?) erschienenen Buches von Wiegand (Schwiegervater von Dennert!): „Die Urzelle“. Nur erscheint die unfaßbare „Artzelle“ von H. heute, wo schon tausende von phylogenetischen Arbeiten vorliegen, noch viel sinnloser. Es ist eine grimmige Ironie des Schicksals, daß mein Rückblick auf „50 Jahre Stg.“ gerade in dem Monat erscheint, wo mein „angesehenster“ Schüler O.H. das Alles für naturphilosoph. Phantasterei erklärt! Die ganze Paläontologie existiert für ihn nicht! Widerlich ist seine Polemik gegen Darwin und die Selektion. Übrigens ist sein Bruder Richard ganz entgegengesetzter Ansicht; – München und Berlin! – ||

Vor einigen Jahren ließ sich S. M. der Kaiser von Oskar H. aufklärende Vorträge über Entwicklungslehre privatissime halten und darüber beruhigen, daß er – „nicht von Affen abstamme“! – Daher!! Die „Psychologische Metamorphose“ von O. H. ist noch schlimmer als die von Virchow, Wundt etc. Wie dieser Antidarwinist in Berlin (auf dem Lehrstuhl von J. Müller) „Vergleichende Anatomie“ (ohne Vergleichung!) lesen kann, ist rätselhaft! –

Die Umkehr aller Verhältnisse durch den Weltkrieg wird auch auf die Wissenschaft einwirken – aber Wie? Vielleicht bringt sie auch die Reaction! –

Dr. Heinrich Schmidt hat sich mit seiner II. Frau wieder ausgesöhnt, da kein realer Grund zu der von ihr beantragten Scheidung vorlag. –

Mit frdl. Grüßen

Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
12-05-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41161