Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 21. Januar 1916

Jena 21.1.1916.

Lieber Herr Doktor!

Ihrem Wunsch, Ihnen ein Englisches Lehrbuch der menschlichen Anatomie zu senden, kann ich zu meinem Bedauern nicht erfüllen. Ich habe niemals ein solches besessen; auch in der Zoolog. Bibliothek (– die ich vollständig dem Zoologischen Institut überlassen habe –) ist keines vorhanden.

Ihre pessimistischen Ansichten über die bevorstehenden Versammlungen in Jena (vom 25. – 27. Febr. d. J.) vom „Weimarischen-Kartell“ und vom „Deutschen Monistenbund“ muß ich leider teilen. Ich fürchte, daß bei den Fehlern, die in der praktischen Ausführung ihrer idealen Ziele gemacht worden sind – besonders in der gegenwärtigen ungünstigen Lage – wenig Erfreuliches herauskommen wird. Die Finanzlage (– schwere Schulden! –) und der Mangel an brauchbaren Kräften (– wissenschaftlich bedeutende Präsidenten! –) ist höchst bedauerlich! ||

Heute vor 10 Tagen (am 11. Januar) waren 10 Jahre verflossen, seitdem hier im Zoolog. Institute, unter der Mitwirkung von Ihnen und Dr. Heinrich Schmidt, die Gründung des D. Monistenbundes stattfand. Wir haben an diesem Tage Ihrer lebhaft gedacht!

Wieviel schöne Hoffnungen und Pläne sind inzwischen vergeblich daran gesetzt worden! Als vor 5 Jahren Prof. W. Ostwald das Präsidium übernahm, glaubten wir in diesem berühmten und hochverdienten Naturforscher endlich einen sehr geeigneten Präsidenten gefunden zu haben! Auch das war ein Irrtum! (– „Kloster! Brücke = Gehirn der Welt“ etc). Wenn Ostwald meinen dringenden, wiederholt motivierten Rat befolgt und Ihnen die Redaktion des „Monistischen Jahrhunderts“ übertragen hätte, wäre der Erfolg sicher ein anderer gewesen! Jetzt hat er sich ganz vom Monistenbund zurückgezogen und auf seine chemische (theoret. u. praktische) Arbeit beschränkt. Seine neue Erfindung der Salpetergewinnung (aus Stickstoff der Luft) scheint für unsere Munition sehr wichtig zu sein. ||

Ich selbst werde mich an den hiesigen obigen Versammlungen (vom 25. – 27. Febr.) wahrscheinlich nicht – oder nur ganz flüchtig – beteiligen. Einen passenden Präsidenten weiß ich nicht vorzuschlagen. Es scheint, daß 2 extreme politische Richtungen sich bekämpfen werden, eine nationale (in Berlin Juliusburger) und eine internationale (in Berlin Graf Arco). Die alte Geschichte; Egoismus – Altruismus! –

Dr. H. Schmidt hat gestern in Baden- B. der Bestattung unseres hochherzigen Gönners beigewohnt, Wilhelm Knaupp (Renchen). Jetzt bleibt er 14 Tage in München, bei seinem Freunde Dr. Bohlen (Clemens Str. 5). Am 10. Febr. ist hier Termin in seiner (sehr unerfreulichen) Ehescheidungs-Sache, die mir viel Ärger und Sorge gemacht hat – auch wegen des Phylet. Archivs, das im Mai eingeweiht werden soll (in 2 Räumen des neuen Univ. Biblioth. Baues). S. hat – gegen meinen Rat und Wunsch – in dieser Sache sehr leichtsinnig und übereilt gehandelt. ||

Über Ihren „Ausgestopften Loewen“ (von Mc Cann) habe ich mich sehr amüsiert; bitte mir davon 20 Stück zu senden und in Rechnung zu stellen.

Die jetzige Orient-Episode des Weltkrieges (Montenegro, Türkei, Griechenland etc) ist mir höchst interessant, da ich die meisten wichtigen Orte selbst besucht habe. Ich hoffe Viel von dieser Wendung!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
21-01-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41159