Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 28. Februar 1915

Jena 28.2.1915.

Lieber Herr Doktor!

Für Ihren freundlichen Glückwunsch zu meinem 81.sten Geburtstag meinen besten Dank, ebenso für die mancherlei interessanten Mitteilungen in Ihrem letzten Briefe. Ich freue mich, daß auch jetzt, in der furchtbaren „Götterdämmerung“ des beispiellosen Weltkrieges, unsere persönlichen Anschauungen fast überall übereinstimmen. Im Einzelnen Folgendes:

– 1. Ihre Zeitschrift „Neue Weltanschauung“. Es wird mich sehr freuen, wenn Ihre vortreffliche Zeitschrift von Ihnen weiter geführt wird. Auch bin ich gern bereit, der dafür zu gründenden Gesellschaft beizutreten und einen Anteilschein zu 100 Mk zu übernehmen. Nur fürchte ich, daß jetzt – bis zu erfolgtem günstigen Friedensschluß die Zeitverhältnisse sehr ungünstig sein werden (Viele Zeitschriften sind jetzt im Wanken oder bereits halb oder ganz aufgegeben!) ||

– 2. Trotz aller Bewunderung der gewaltigen Heldentaten unsres „Volkes in Waffen“ (zu Land und See) werde ich die Besorgnis nicht los, daß wir auf die Dauer der Übermacht Englands unterliegen: seinen unerschöpflichen Geldquellen, der tatsächlich bestehenden Weltherrschaft zur See (Kolonien und Verbündete in allen Weltteilen), Engl. Weltsprache! – gewissenlose Diplomatie, großartiges Lügensystem, fromme Heuchelei etc.

– 3. Die völlige Verblendung auch der intelligentesten Kreise in England; britische National-Psychose! Die schlimmsten Verleumdungen Deutschlands werden von fast allen Vertretern der Wissenschaft in England geglaubt und weiter verbreitet – darunter meine eigenen Schüler Mc Cabe, Ray-Lankester, Thomson, Turner u. Freunde etc. Die gänzliche Absperrung Deutschlands vom ganzen Weltverkehr, die England 3 Monate erfolgreich durchsetzte, hat uns unendlich geschadet; daher die friedliche Haltung vieler Neutraler: Italien, N. America, Westschweiz, Rumaenien etc. ||

– 4. Die klerikale Reaction, die vermutlich nach dem Siege die Gewissens-Freiheit stark bedrängen wird, und die Ausbreitung unseres Monismus beschränken, wird schon jetzt verbreitet durch die auffällige „Flucht zu den Kirchen“ (!) S. M. betont schon jetzt in jeder Siegesrede seine Unterstützung durch den „Lieben Gott“ und schreibt unsere Sieges-Erfolge diesem „Bundesgenossen“ zu, statt der Tapferkeit seiner Herrn, dem Genie ihrer Führer und der grenzenlosen Opferwilligkeit des Volkes!! – („Instrument des Herrn“!)

– 5. Der Jesuitenbund beider Konfessionen, der evangel. Keplerbund (Dennert!) und der kathol. Thomasbund (Erzberger!), ist schon jetzt fleißig bei der Arbeit, das Volk im „Glauben“ zu bestärken – und er findet viele nachhaltige Unterstützung in konservativen und klerikalen Zeitschriften! Spiritismus, Okkultismus u. anderer Spuk werden eifrig gepflegt u. selbst mit dem Mantel der (– okkulten! –) Wissenschaft geschmückt; und finden leider eine Masse gläubiger Opfer! Die Reaktion der „Rechten“ wird das auch politisch ausbeuten!! ||

Ich habe mein 82. Lebensjahr sehr still angetreten u. keinen Besuch angenommen, da meine kranke Frau (mit sehr leidenden Nerven und Herzen, seit 14 Monaten nicht aus dem Haus gekommen) nunmehr schon 7 Wochen zu Bett liegt und der äußersten Ruhe u. Schonung bedarf. Auch meine Gesundheit nimmt merklich ab. Die beständigen Aufregungen und Sorgen des Weltkrieges lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Viele Bekannte und entfernte Verwandte sind gefallen, auch mehrere Neffen. Unseren Kindern in München u. Leipzig geht es gut. Mein Schwiegersohn Hans Meyer ist zu Neujahr aus der Leitung des Bibliograph. Instituts ausgetreten und hat eine ordentliche Honorar-Professur für Kolonial-Geographie und Kol.-Politik an der Univ. Leipzig angenommen. – Dr. Heinrich Schmidt muß fleißig arbeiten, um sich über Wasser zu halten. Der Verlag Alfred Kröner schränkt auch seine Tätigkeit ein, wie viele Andere!

Mit freundl. Grüßen und besten Wünschen

Ihr alter Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
28-02-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41152