Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 7. Juli 1909

Jena 7.7.1909.

Lieber Herr Doktor!

Für Ihre freundlichen Mitteilungen, sowie für die herzliche Teilnahme an dem schweren Unglück, das ich mit meinem Amtsnachfolger, Prof. Plate gehabt habe, danke ich Ihnen bestens. Letzterer verfolgt mich seit 3 Monaten in der unglaublichsten Weise, mit impertinenten Briefen, falschen Beschuldigungen und Anklagen bei den Behörden in der niederträchtigsten Weise! Es herrscht darüber bei Allen, welche die Sachlage und die Personen kennen, nur eine Stimme – zu meinen Gunsten! Die empörenden Details seiner Angriffe kann ich Ihnen gelegentlich mündlich mitteilen. ||

Tatsächlich habe ich meinen Amtsnachfolger (– der mir als talentvoller Lehrer, ausgezeichneter Redner und praktischer Instituts-Direktor gewiß sehr überlegen ist) – Alles übergeben, was ich im Laufe meiner 48 jährigen hiesigen Lehrtätigkeit geschaffen hatte: die reichen Sammlungen, die ausgezeichnete Bibliothek etc. –

Für mich hatte ich mir im neuen Phyletischen Museum (das mich die letzten 2 Jahre mühseliger Arbeit und tausende von Briefen, Sorgen, Geschäften etc gekostet hat – nebenbei 60.000 Mk von meinen Ersparnissen! –) nur das Phyletische Archiv vorbehalten, 3 Räume in der südlichen Hälfte des oberen Geschosses. ||

In diesem Archiv sollten alle meine persönlichen Erinnerungen – und besonders Kunstwerke – Bilder, Büsten, Aquarelle von meinen Reisen, Manuskripte, Briefwechsel, Stiftungen etc, gesammelt bleiben – auch u. a. das Deubler-Bild von Radde (– bitte um dessen Adresse in Hamburg) – welches ich Ihrer freundlichen Vermittlung verdanke! –

Plate erklärte mir (obgleich ich die 3 Archiv Räume von Anfang an mir allein vorbehalten hatte!), daß er das nicht dulden werde! Denn „Kunst-Sammlungen gehören nicht in ein „Museum für Entwicklungslehre“! Als ich dagegen protestirte, sagte er mir kurzweg: „Seit 1. April bin ich alleiniger Direktor des Phylet. Museums, und Sie haben sich allen meinen Anordnungen unbedingt zu fügen“!!! – || Plate hat sich durch seine unglaublichen Anmaaßungen und Frechheiten hier selbst in das schlimmste Licht gestellt und wird allgemein verurteilt. Er will nun Jena möglichst bald wieder verlassen; wenn es nur möglich wäre!! –

Mir selbst hat der abscheuliche 3 monatl. Kampf mit ihm (– der jetzt durch Ministerium und Universität definitiv zu meinen Gunsten entschieden ist –) sehr geschadet! – körperlich u. seelisch! Ich ziehe mich, nach dieser traurigsten Erfahrung meines Lebens von Allem zurück u. suche meinen Trost im Verkehr mit der stets holden und treuen Mutter Natur, und in meinen künstlerischen Liebhabereien, Schreiben von Memoiren etc. Zunächst bleibe ich noch in Jena.

Mit besten Grüßen

Ihr alter

Ernst Haeckel (Emeritus).

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
07-07-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41087