Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 11. November 1907

Zoologisches Institut

Der Universität Jena.

Jena 11.11.1907.

Lieber Herr Doctor!

Die Klagen, die Sie über die neuen Entwicklungen unseres „Monistenbundes“ mir mitteilen, und die mit denjenigen von Dr. Heinrich Schmidt übereinstimmen, sind leider sehr berechtigt; ich halte ebenfalls die Veränderungen in der Verfassung, die auf der letzten Ausschuß-Sitzung (im Septbr) hier beschlossen wurden, für unglücklich. Ich fürchte, daß der dreiköpfige Vorstand nicht viel leisten, aber viel verderben wird. Ein einheitlicher verantwortlicher Vorstand wird die Arbeit stets besser machen. Ich hatte Dr. H. Schmidt stets zugeredet, seine Stellung als General Sekretär beizubehalten; aber jetzt, wo die Sachlage sich so viel ungünstiger gestaltet hat, kann ich seinen Rücktritt nur billigen. || Umso mehr, als er jetzt größere litterarische Aufgaben erhalten hat, die dankbarer sind.

Die widersprechenden Ansichten und Wünsche vieler Mitglieder des Bundes (– besonders in München und Berlin.) lassen sich nicht in Harmonie bringen. Die berühmte „Deutsche Einigkeit“ offenbart sich auch hier wieder in zahlreichen Sonderbestrebungen und Partikular-Interessen.

Mit Bedauern habe ich in den 2 Jahren, die seit der Gründung des Bundes verflossen sind, erfahren, wie diese divergenten Kräfte immer activer werden. Anderseits ist es sehr bedauerlich, daß so viele tüchtige Kräfte, die unsere Ansichten vollkommen teilen, sie doch nicht offen bekennen und dem Bunde fern bleiben. ||

Ich selbst habe, wie Sie wissen, von Anfang an erklärt, daß ich in dem mir zugedachten „Ehrenpraesidium“ keine Verpflichtung zu activer Mitarbeit, besonders an der Organisation des Bundes, erblicken kann. Dazu ist meine Zeit und Kraft zu sehr von dringenden Arbeiten in Anspruch genommen, ganz abgesehen vom zunehmenden Alter und der abnehmenden Gesundheit.

Sollten die 3 Herren des neugewählten Vorstandes (– denen ich fern stehe –) in ihrer Wirksamkeit und Anschauung gar zu sehr mit meinen (Ihnen wohlbekannten) Ansichten in Widerspruch geraten, so würde ich meinen Rücktritt vom „Ehrenpraesidium“ (– das ich nur aus Interesse für die Sache angenommen hatte –) erklären.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen

Ihr alter

Ernst Haeckel. ||

P.S. So eben erhalte ich den Aufruf des „Keplerbundes“, zur Förderung der christlichen Naturerkenntniss! Eine herrliche Gesellschaft: Reinke, Dennert, Hamann, Studt, Zacharias etc.! Da sich diese theistischen Glaubenshelden direct gegen unseren Monistenbund wenden, wär es eine dankbare Aufgabe, ihre wahren „wissenschaftlichen“ Ziele baldigst zu beleuchten!

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
11-11-1907
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41065