Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 28. April 1906

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena 28.4.1906.

Lieber Herr Doctor!

Ihren so eben erhaltenen Brief beantworte ich umgehend, da ich dessen Ansichten und Bedenken teile. Auch ich bedaure sehr, daß unser Monistenbund bisher kein actives Lebenszeichen von sich gegeben hat. Leider ist meine Gesundheit immer noch miserabel und verbietet mir eine energische Führung und Mitarbeit, wie ich sie vor 10 Jahren noch sehr gern geleistet hätte. Es geht mir zwar seit 4 Wochen besser, und ich hoffe, am 1. Mai wenigstens die eine Vorlesung über „Allgemeine Zoologie“ noch einmal halten zu können; das ist aber auch Alles! ||

Der Hauptmangel scheint mir in der Passivität oder dem Zaudern unseres activen Praesidenten, Dr. Kalthoff, zu liegen. Wie Sie wissen, hatte ich seine Wahl zum Praesidenten nur deßhalb vorgeschlagen, weil er von mehreren competenten Seiten (– insbesondere W. Bölsche –) als höchst geeignete Person für diesen schwierigen Posten bezeichnet wurde, und grade weil er angesehener freidenkender Schriftsteller und zugleich radicaler Theologe war, Vielen besonders passend erschien. Nun scheint er aber selbst die Lust an seiner Aufgabe verloren zu haben; er ist krank und seit 6 Wochen am Genfer See, will auch zur Ausschuß-Sitzung am 9. Mai nicht kommen. || Wer soll nun aber, wenn Kalthoff zurücktritt, erster activer Präsident werden? Und Wer Vice-Präsident? Es ist sehr schwer, passende und tüchtige Personen für diese Posten zu finden; die naturforschenden Collegen wollen ja fast Alle Nichts mit dem Monisten- Bund zu tun haben. Kalthoff schlägt Prof. Plate vor, der ja als tüchtiger Darwinistischer Schriftsteller sehr geeignet wäre; aber er ist durch seine neue Stellung in Berlin so beschäftigt, daß er wegen Zeitmangel nicht einmal in den Ausschuß eintreten wollte. – Dr. H. Schmidt hat auch bereits viel Schwierigkeiten und Verdruß, daß er seine Stellung als General-Sekretär aufgeben wollte; einstweilen bleibt er noch, er ist zur Erholung seit 3 Wochen in der Schweiz. ||

In der Sparkasse haben wir jetzt 6000 Mk liegen; wir könnten also ganz gut auch materiell für Vorträge und Flugschriften etwas leisten. Am meisten tätig scheint die Ortsgruppe München zu sein, deren Praesident, Dr. med. Eduard Aigner (Goethe-Str. 49) auch sehr für baldige Action eintritt, ebenso Dr. Siebert (Barer-Str. 58). Der tüchtige Philosoph Albrecht Rau ist dort mit einer Flugschrift contra Paulsen beschäftigt. – Es ist sehr wichtig, daß Sie zur Ausschuß-Sitzung am 9. Mai hierher kommen, da entscheidende Hauptfragen zu erledigen sind; auch die Frage des Verlags der Flugschriften, die Sie vielleicht gemeinsam mit W. Keller (Franckhs’ Verlag, Stuttgart) unternehmen können. Alles Nähere hier mündlich.

Mit besten Grüßen

Ihr alter E. Haeckel ||

[Beilage]

Monistenbund

9. Mai 1906.

1. Stand der Tätigkeit

Notwendigkeit activen Vorgehens (Zahl der Mitglieder), Briefe- Dodel

2. Praesidentenwahl: 2 Personen Qualität Kalthoff – Forel (Bölsche)

(I. u. II. Praesid.)

Naturf. u.. Arzt Aigner Geschäfts-Führer Unold Plate

3. General „Secretär

H. Schmidt

volle Arbeit – Schreibhülfe Feste Besoldung 3000 M ||

4. Ausschuss

Juliusburger – Carstens

SchwarzDavid

5. Kassengeschäft Schwarz

Rechngs-Ablage

Verzeichnis D. Beiträge

6. Richtlinien

Negativ gg. Dogma u. Kirche

Positiv für Philos. Weltan.

7. Wander-Vorträge

8. Ortsgruppen! ||

9.Verlag (Kosmos!).

Franckh, Breitenbach

– a. Flugschrift 10 à 30 Pf. (Honorar)

– b. Period. Zeitschriften

– d. Volksausgaben D.

– e. Andachtsbuch D.

– f. Katechismus

Wander-Vortr.

– Redaktions-Ausschuss

11.Beziehungen zu anderen Vereinen

10. Organisation v. Congressen

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
28-04-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41054