Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers, Jena, 24. Juni 1880

Jena, 24. 6. 80.

Mein lieber guter Allmers!

Da heute abend die lieben, alten heidnischen Johannisfeuer auf den Bergen leuchten und mir mein altes Heiden-Herz erwärmen, will ich mir doch auch eine besondere Johannisfreude gönnen und eine Stunde mit Dir plaudern. Denken tue ich oft genug an Dich und an unsere schönen Tage auf Capri und Sizilien – ein verlorenes Paradies! – Aber zum Schreiben lassen mich nur selten meine Medusen kommen, die mein Tun und Denken seit mehreren Jahren fast gänzlich absorbieren!

Mit Bedauern ersehe ich aus Deinem lieben Briefe, daß Du einen recht ungemütlichen Winter gehabt hast. Es wäre besser für Dich, daß Du den Winter mehr in Bremen oder in einer anderen großen Stadt zubrächtest. Indessen freut es mich, daß dabei doch Deine Alpen-Novelle Harro – an deren Empfängnis bei Syrakus ich mich noch lebhaft erinnere! – zur Reife gediehen ist! – Die punktierten wurmförmigen Gallertkörper an der Unterfläche von Seerosen-Blättern etc. beschreibst Du so vortrefflich, daß ich daraus sofort den Laich der Süßwasser-Schnecken (Lymnaeus, Planorbis etc.) erkannt habe. – Bei uns geht es im ganzen gut. ... Mein Freund Noiré ist Gymnasiallehrer in Mainz, ein „alter Junggeselle“ voller Gemüt und Idealismus, wie Du! – Unsere „Retour-Fahrt“ „nach Canossa“ ist so traurig, daß ich froh bin, die Politik hier in unserer freien Republik Jena ganz ignorieren zu können. Um so mehr erquicken mich meine Medusen. Der zweite Folioband (mit 40 Tafeln!) naht jetzt seinem Ende! Dann kommen die Challenger-Radiolarien. – Die Kinder sind munter und grüßen mit meiner Frau herzlich. An unsere Bremer Freunde beste Grüße, den herzlichsten aber für Dich selbst von Deinem alten

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-06-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Original verschollen
ID
40765