Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers, Jena, 22. Januar 1868

Jena, 22. Jan. 69a

Liebster Freund!

Die Fülle von Geschäften und verschiedenartigsten Arbeiten, die immer der Jahresanfang hier mit sich bringt, läßt mich erst heute dazu kommen, Dir für den außerordentlichen Genuß, den Du mir mit Deinen „Römischen Schlendertagen“ bereitet hast, meinen herzlichsten Dank zu sagen. Das Buch hat meine hochgespannten Erwartungen vollständig erfüllt oder richtiger: übertroffen. Neues habe ich freilich für mich wenig darin gefunden, da ich ja das meiste bereits aus Deinem eigenen Munde kannte. Aber die künstlerische Form, die wahrhaft natürliche und sinnige Darstellung des mir selbst so teuren und werten Objekts hat mich in höchstem Maße befriedigt.

Ich habe dabei selbst wieder von ganzem Herzen in Roms unendlicher Schönheitswelt geschwelgt und mit tiefer Wehmut der glücklichen Tage gedacht, die ich dort verlebte. Wie ewig schade, daß wir uns nicht schon dort, sondern erst nachher in Neapel kennenlernten! Wie Vieles würde mir durch Dich erst zum rechten und vollen Verständnis gekommen sein!

... Ich wünsche übrigens nichts sehnlicher, als daß Du bald einen zweiten Band in gleicher Fassung: ,,Neapo1itanische Sch1endertage“ folgen ließest. Denke daran, wie vieles wir in jenen glücklichen Tagen gesehen, erfahren, gedacht und genossen, was sonst nie in der Art einem gewöhnlichen Menschenkinde blüht, wie z.B. unsere unvergleichlichen Badefahrten (bei Pompeji, in der Blauen Grotte, bei [?] Accapella etc.), die Nacht auf dem Vesuv, das Caprileben, die köstlichen Tage in Pompeji und Neapel selbst, die unvergleichlichen Wanderungen auf Ischia etc. Ich bin gewiß, daß Du auch diesen köstlichen Schlendertagen (– obwohl sie ganz anders wie die römischen waren –) den höchsten Reiz abzugewinnen durch Deine originelle Art der Darstellung erreichen würdest. Der Ton müßte freilich noch heiterer, bunter, mit einem Wort „neapolitanischer“ sein als der ernstere und feierlichere römische Ton, den Du so vorzüglich getroffen hast! ...

Auch Gegenbaur ist davon ganz entzückt. Er hat es nicht nur, sobald ich es ihm gab, in einem Zuge ganz durchgelesen, sondern es sich auch gleich selbst angeschafft. Er sagte mir wörtlich, es sei „in vielen Beziehungen das Feinste, Wahrste und Treuste, was er je über Italien gelesen“, und er habe lange nichts gelesen, was ihn so gefesselt. …

Meine „Schöpfungsgeschichte“ ist sehr gut gegangen, und scheint viel Beifall zu finden, trotzdem noch keine einzige Besprechung und Rezension derselben erschienen ist. Nur aus England, von wo mir auch Lyell und Darwin die schmeichelhaftesten Briefe darüber schrieben, erhielt ich eine Besprechung aus der „Saturday Review“ vom 21. November, worin mein Buch ein ,,excellent book, a most lucid and interesting survey of the development hypothesis, an admirable survey” etc. genannt wird. Dagegen hat es natürlich hier in Berlin bei den Muckern und Finsterlingen großen Anstoß erregt und mir für Verbesserung meiner hiesigen Stellung alle Aussichten für lange Zeit abgeschnitten.

Zu meiner großen Freude hat sich Gegenbaur zu Weihnachten wieder verlobt. … Mein kleiner Walter macht mir viel Freude. … Meine Frau hat sich wieder ganz erholt. Sie läßt Dich herzlich grüßen. Mein Bruder ist als Kreisgerichtsrat nach Potsdam versetzt, was mich für ihn sowohl als für meine Eltern sehr freut. ... schreibe bald mal wieder Deinem treuen

Ernst Haeckel.

a irrtüml.: 68

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-01-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Original verschollen
ID
40746