Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers, Jena, 16. Dezember 1865

Jena, 16.12.65.

Mein teurer lieber Freund!

… Allein auch unter diesen etwas getrübten Verhältnissen hat mir doch der Besuch Deiner lieben Heimat, die unmittelbare Anschauung Deines mir schon im voraus so bekannten Rechtenfleth und die ungeahnte großartige, wenn auch einseitige Schönheit Deiner Marsch-Natur, und namentlich Deines lieben Hude, sowie endlich der sehr liebe Aufenthalt bei Deinen lieben Bremern, alles miteinander sehr wohlgetan; und diese ganze Nordwestecke von Deutschland hat mir so ausnehmend gefallen, daß ich bei erster Gelegenheit wieder dahin zurückkomme; wäre es auch nur, um die Eichen im Neuenburger Forst zu zeichnen.

… Hier habe ich so viel zu tun gefunden und bin mit Vollendung meines Darwin-Buches so beschäftigt, daß ich nicht recht zu mir selbst komme und so das Einsame meines schiffbrüchigen Schicksals weniger tief als früher empfinde. Ich arbeite kolossal und komme zu gar nichts anderem. Meine Collegia sind diesmal ausnehmend besucht. In der Zoologie habe ich 36 Zuhörer, 2–3 mal so viel als in früheren Jahren; in einer Vorlesung über Darwin dagegen habe ich gegen 140–150 Zuhörer (111 sind eingeschrieben), und zwar ganz gemischte aus allen Fakultäten. Diese Vorlesung ist hier diesen Winter die besuchteste von allen, da die nächstdem am meisten besuchten Vorlesungen nur 70–80 Zuhörer zählen. Du kannst denken, daß mich dieser seltene Erfolg, der hier sehr viel Aufsehen macht, etwas amüsiert, um so mehr, da gleichzeitig die Pfaffen von den Kanzeln vor leeren Bänken gegen Darwin losziehen. Auch sonst empfange ich so viele Beweise von nah und fern, daß meine wissenschaftlichen Bestrebungen Anklang finden, daß mein Ehrgeiz mächtig wächst, und daß mich dieses Aufsteigen meines Verstandeslebens über das schwere Darniederliegen meines Gemütslebens vielfach beschwichtigt. Mit dem Ehrgeiz wächst aber auch die Tatkraft, und so habe ich mich denn noch zu keiner Zeit so nach wissenschaftlichen Taten begierig und dazu fähig gezeigt wie jetzt. Freilich lebe ich dafür auch ganz einsam ...

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
16-12-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Original verschollen
ID
40737