Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers , Jena, 20. November 1864

Jena, 20.11.64.

... Eine verhältnismäßig leidliche Episode in dem schweren Laufe dieses traurigen Sommers bildete meine fünfwöchentliche Schweizer Reise. Ich ging am 16. August von hier über Augsburg nach Immenstadt am Bodensee, machte von da einen Abstecher nach Oberstdorf im Allgäu und auf den hohen Grünten und fuhr dann über Lindau nach Zürich, wo ich vom 21. bis 26. August die recht interessante Schweizer Naturforscherversammlung mitmachte. Von da über Arth auf den Rigi. Dort 2 Tage beim schönsten Wetter. Vom Rigi über den Vierwaldstätter See nach Luzern, über den Brünig nach Meiringen , über Rosenlaui und die Scheideck auf das Faulhorn , herunter nach Grindelwald und über die Wengern -Alp nach Lauterbrunn. Dort machte ich meine bedeutendsten und lohnendsten Partien, nämlich auf das unvergleichlich schöne Schilthorn und zu dem Tschingel -Gletscher und Schmadri -Bach, dann nach Interlaken, wo ich fünf Tage Regenwetter in der Gesellschaft von sieben deutschen Professoren verschiedener Universitäten verbrachte. Dann über den Thuner See nach Frutigen und über Kandersteg und den Öschinensee auf die Gemmi . Von dort nach Bad Lenk, durch den Dala -Grund nach Lenk, Turtmann , Visp. Hier konnte ich jedoch leider nur den Gornergrat besteigen, da ich durch einen Sturz in dunkler Nacht (bei St. Niklaus) meinen Fuß am Schienbein ziemlich beschädigt hatte. Dieser böse Unfall schnitt auch meine weiteren Reisepläne ab, die ich auf die Grand tour de Montblanc und Chamouny hatte ausdehnen wollen. Ich war nun gezwungen, von Zermatt nach Visp zurückzugehen und das Rhonetal hinunter nach dem Genfer See, über diesen nach Genf. Dort erholte ich mich erst mehrere Tage bei meinem Freund Claparede , ehe ich die Rückreise über Bern, Basel, Straßburg, Heidelberg antrat. Das Wetter war fast die ganze Zeit gut, an den Hauptpunkten meist ausgezeichnet. Die starken Märsche und Strapazen taten mir sehr gut. Aquarelliert habe ich ziemlich viel. Obschon ich die Alpen schon so genau und ausgedehnt kannte, so habe ich doch noch viele Naturgenüsse ersten Ranges gehabt, so vor allem die Wengern -Alp und das Schilthorn (mit Panorama des gesamten Berner Oberlandes). Auch die Gemmi und Zermatt sind ausgezeichnet großartig. In Straßburg habe ich mich an dem Münster sehr erbaut. Manche nette Bekanntschaft habe ich auf meiner Wanderschaft gemacht. Nachher war ich noch einige Wochen in Berlin bei meinen Eltern, wo ich auch Weihnachten wieder hingehe.

So sehr mich die schöne Alpenwanderung gekräftigt hatte, so wurde es mir nachher doch unendlich schwer, mich wieder hier in mein ödes und vereinsamtes Nest einzugewöhnen. Wie ist hier alle Freude und alles Glück, das ich in fast idealem Maße genoß, in den bittersten Kummer und das schwerste Leid verkehrt! Ich lebe ganz zurückgezogen, und sehe von meinen zahlreichen Freunden nur die drei nächsten, meinen armen Leidensgefährten Gegenbaur (mit dem ich täglich zusammen bin), Schleicher’s und Hildebrand’s . Ich arbeite möglichst viel; doch will es mir oft tagelang nicht gelingen, meiner düsteren Vorstellungen Herr zu werden. Was sind das für schwere Stunden! Am meisten Freude machen mir noch meine Vorlesungen. …

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
20-11-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Original verschollen
ID
40735