Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers, Jena, 15. Dezember 1863

Jena, 15.12.1863.

Mein lieber guter Hermann!

Soeben lese ich in der Zeitung den Schluß Eurer Vorsynode (heiligen Angedenkens!), und das soll denn für mich zugleich die dringendste Mahnung sein, Dir von uns Nachricht zu geben und Deinen lieben herzlichen Brief, der uns in Heringsdorf sehr erfreut hat, zu beantworten. Eigentlich sollten diese Zeilen noch von Heringsdorf selbst aus, im September, geschrieben sein.

Allein in Heringsdorf verschob sich das Briefschreiben auf Stettin, in Stettin auf Berlin, und in Berlin auf Jena, und nun ist schon bald Weihnachten da, ohne daß der Brief fort wäre. Zur Entschuldigung kann ich jedoch diesmal mit gutem Rechte die Vorsynode geltend machen, von der Du als ruhmgekröntes Mitglied und siegreicher Streiter gegen die Schwarzkutten und Finsterlinge gewiß so in Anspruch genommen gewesen bist, daß Du gar nicht mehr an uns und unser Thüringer Stillleben im kleinen Universitätsdorfe gedacht hast. Nun Du wieder in Dein stilles Weserdorf zurückgekehrt bist, wirst Du hoffentlich auch dazu wieder Zeit finden und hoffentlich auch recht bald Zeit finden uns mitzuteilen, wie es Dir seitdem in Hannover ergangen und was Du jetzt treibst. Die Berichte über die Vorsynode haben mich allerdings teilweise über Deine Taten instruiert, jedoch hörte ich gerne mehr subjektiv Persönliches von Dir selbst.

Nun höre, wie es uns inzwischen ergangen ist. Von dem herrlichen, überaus gelungenen Leipziger Turnfeste hast Du sicher schon durch die Zeitungen ... gehört ...

Von Heringsdorf gingen wir am 17. September nach Stettin, um der Naturforscher-Versammlung beizuwohnen. Auch hierüber hast Du sicher Referate in der Zeitung gelesen, mindestens das eine, das ich Dir unter Kreuzband zugesandt habe, und das eine ziemlich lahme Analyse meines dort in öffentlicher allgemeiner Versammlung (vor über 2000 Zuhörern) gehaltenen Darwin-Vortrags enthielt. Dieser Vortrag gab übrigens dem Frankfurter Dr. Otto Volger (Verfasser von „Erde und Ewigkeit“, ein ganz verrückter Kerl, aber ein formell höchst ausgezeichneter Redner) Veranlassung, mich in der Sitzung vom 24. in einer sehr glänzenden Rede heftig anzugreifen, worauf ich in nicht minder heftiger Form vom Platze entgegnete.

Im allgemeinen war die Versammlung diesmal recht interessant. Ich sah eine große Menge alter Bekannter wieder, besonders Würzburger und Berliner. Die Aufnahme, Bewirtung etc. in Stettin war äußerst gastfrei und glänzend, ganz besonders der wundervolle Wasserkorso am Abend des 22. September, wo in stockdunkler Nacht eine wahre Flut von bunten Laternen, bengalischen Flammen, Freudenfeuern, Lampen-Girlanden und andern lichtstrahlenden Apparaten die beiden Oderufer von Stettin fast l1/ 2 Stunde abwärts aufs prachtvollste erleuchtete. Dazwischen bewegten sich auf dem dicht von Fahrzeugen erfüllten Strome nicht weniger als 27 große Dampfschiffe und eine Unmasse kleiner Boote, alle ebenfalls prächtig mit bunten Lampen und Flammen erleuchtet, in dichtem Gewimmel bunt durcheinander. Der Anblick war so entzückend, so märchenhaft phantastisch, daß alles in den hellsten Enthusiasmus geriet; und ich selbst muß gestehen, daß diese bunte strahlenglänzende Illumination mit ihrer eigentümlichen Ausbreitung und Bewegung auf dem Wasser sich recht würdig an die verschiedenen glanzvollen künstlichen und natürlichen Beleuchtungsszenen anschließen konnte, an denen wir beide uns im italischen Süden so und so oft lebhaft ergötzt haben. Ich habe Dich den ganzen Abend in Gedanken zu mir nach Stettin gewünscht, ich weiß, Du würdest Dich gewiß dem allgemeinen Begeisterungsrausche nicht entzogen haben.

Von Stettin gingen wir am 25. September zu meinem Bruder in dessen neue Heimat Landsberg a. d. Warthe, eine bedenklich nach Nordosten gelegene Stadt, deren Umgegend schon sehr an russisch-sibirische Steppen erinnert und meinen Horror vor Nordosteuropa wesentlich gesteigert hat. Ich würde in so einem Nest wie in einem euxinischen Exile leben. Die Stadt selbst ist gar nicht übel, hat 16000 Einwohner, ein Gymnasium, Gericht etc. und einen sehr regen, im Aufblühen begriffenen Handel. Aber denke Dir nur eine schüsselflache Gegend am Wartheufer, nur auf der einen Seite mit einer Reihe flacher Sandhügel, auf der andern Wiesen und Äcker in unendlicher Eintönigkeit, aber keine Spur von Wald oder selbst nur Gehölz, nicht einmal Promenaden oder öffentliche Gärten um die Stadt herum; die einzigen Bäume eine Allee von Eschen auf einer geradlinigen Chaussee, die polnische Grenze nur wenige Meilen entfernt – und Du wirst begreifen, daß ich meinen armen Bruder mit sechs Kindern nicht beneidete und mich still im Herzen meines besseren Loses glücklich pries. Du hast ja unser kleines liebes Jenenser Paradies-Nest hinlänglich kennengelernt ...

Schon am 26. Oktober, am zweiten Tage nach der Rückkehr, begannen meine Winter-Vorlesungen, deren Besuch mich sehr befriedigt, besonders in der Zoologie, welche ich als Hauptkolleg 5mal wöchentlich von 12–1 Uhr lese. Ich habe darin 26 Zuhörer, von denen mindestens 20 so eifrig und fleißig sind, wie ich es bisher noch in keinem Semester erlebt habe. Meine übrige Arbeitszeit ist größtenteils Darwin gewidmet, dessen überaus großartige Theorie mich täglich mehr mit tiefster Überzeugung durchdringt und zu lebhafter Begeisterung entflammt. Ich weiß jedoch noch nicht, in welcher Form ich zunächst diesem Gedanken Ausdruck geben werde. Ich bin vorläufig überzeugt, daß dieser Lehre die größte Zukunft bevorsteht und daß sie uns von dem Banne der größten und verbreitetsten Vorurteile zwar langsam, aber sicher erlösen wird. Deshalb soll ihr auch mein ganzes Leben und Streben gewidmet sein! – Wie mich mein Freund Schleicher nach meiner Rückkehr mit seinem Schriftchen über „Die Darwinsche Lehre und die Sprachforschung“ angenehm überrascht hat, wirst Du inzwischen aus dem Dir übersandten Exemplare ersehen haben. Schreib mir doch, wie es Dir gefallen hat, und lies vor allem einmal das Rollesche Buch über die Schöpfungsgeschichte nach Darwin (Frankfurt 1863, Suchsland. 1 Tlr. 10 Gr.).

Was sind nun aber inzwischen für folgenschwere politische Ereignisse über unser armes zerrissenes und ohnmächtiges Vaterland einhergezogen! Gewiß haben sie Dich nicht weniger als mich selbst erregt und interessiert, und ich habe oft gewünscht, mich mit Dir einmal darüber aussprechen zu können. Wie edel hat der Kaiser von Österreich jetzt seine großmütigen Frankfurter Reformpläne durch das strenge Verbot aller Sammlungen und Versammlungen für Schleswig-Holstein illustriert! Es ist wirklich lustig zum Lachen, wenn nur die Kehrseite nicht so verdammt ernst wäre. Die Misere der ganzen Lage, die vollständige Ohnmacht des ganzen Volks von 40 Millionen trotz des ausgesprochensten einmütigsten Willens, der Vaterlandsverrat der beiden urdeutschen Großmächte, die nichtswürdige Feigheit der meisten kleinen Staaten, die sich von den großen Verrätern ins Bockshorn jagen lassen, der vollständige Mangel an Aussicht zu einer allgemeinen kräftigen Volkserhebung, zu einer großen, kräftig durchschlagenden Revolution, all das sind so entsetzlich traurige und demütigende Erscheinungen, daß man ganz am Vaterlande verzweifeln müßte, wenn nicht gerade das Extrem der nichtswürdigen Verräterei an Schleswig-Holstein doch noch einen Hoffnungsschimmer auf baldigen Umschwung wach erhielte. Freilich könnte es auch unmöglich so schlecht stehen, wenn nicht doch das Gros des Volkes noch so wenig politisch durchgebildet und religiös befreit wäre. Ich bleibe dabei, daß der ganze Religions-Schwindel, selbst der liberalere und nationalere, wie er bei uns namentlich den größten Teil der Gebildeten noch beherrscht, doch die Hauptschuld an dem Mangel selbständiger Charakterentwicklung trägt. Natürlich, so lange sich der Mensch als eine Drahtpuppe fühlt, deren Handlungen, wie die ganze Weltgeschichte, durch eine höhere unsichtbare Hand bestimmt und geleitet werden, so lange bleibt ihm die Kraft der Selbsthilfe und Selbstbestimmung verborgen. „Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann!!“ Das muß der Wahlspruch jeden deutschen Bürgers sein, ehe er aus einem kraftlosen Waschweib ein selbständiger Mann werden kann. Dazu soll, hoffe ich, auch Darwin das Seinige tun. Eure Vorsynode-Versammlungen haben übrigens da auch hübsche Schlaglichter auf den Stand und Grad der Bildung hannöverscher religiöser Gemüter im 19ten Jahrhundert fallen lassen; ich wurde oft lebhaft an das 9te erinnert! Nun, je toller, je besser! Um so eher kommt der Umschwung! - Nun ein recht fröhliches Weihnachtsfest, liebster Freund, und ein glückliches Neujahr; möchte es uns allen Freiheit und Licht bringen! Schreib doch recht bald mal wieder Deinem treuen Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Original verschollen
ID
40731