Schmidt, Friedrich

Friedrich Schmidt an Ernst Haeckel, Lübeck, 18. Oktober 1914

Lübeck / 18.10.14.a

Sehr verehrter Herr Professor!

Mir hat das Bild von Hodler immer weh getan, so oft ich es als Student sehen mußte, aber ich wurde von denen, die alles Kunstverständnis allein gepachtet haben, als Barbar verschrien, weil ich den rohen, ägyptischen und doch so unbeholfenen Stil des seine germanische Abstammung von allem Anfang verleugnenden Schweizers nicht für eine neue Offenbarung hielt. Dankbar drücke ich daher Ihre mannhafte Hand, weil Sie den Mut und das Herz haben, die Beseitigung des herzlosen Machwerks zu beantragen. Nur glaube ich, daß Sie mit dem Verkauf kein Glück haben werden. Die Franzosen haben die deutsche Hodlerbegeisterung nie geteilt. Die Schweizer haben || kein Verständnis für Hodlers hohe Preise, die Engländer lassen ihn nicht als Maler gelten und Deutsche werden sich jetzt doch kein Werk jenes Mannes, der ihnen ins Gesicht gespuckt hat, kaufen wollen. Vielleicht aber finden sich unter den jungen Leitern unserer deutschen Gemäldesammlungen, die ja ausschließlich nichtdeutsche Kunst sammeln und gut bezahlen – es geht ja aus öffentlichen Mitteln – Kaufliebhaber. Sie lassen ja so gerne deutsche Künstler hungern, um Manets, Cesannes u.s.w., die in Frankreich Niemand haben wollte, für Hunderttausende von guten deutschen Silberlingen zu erwerben. Ihrem Geschrei verdanken ja auch die Ratsherren in Hannover den beneidenswerten Besitz einer echten Hodlerei. Hoffentlich wirkt Ihr Beispiel, sehr verehrter Herr Professor || bis nach Hannover und spornt dort zur Nachahmung an.

Verzeihen Sie die schlechte Schrift, mein wunder Arm tut noch keinen bessern Dienst.

In treuer Verehrung

Schmidt

a Ort und Datum von Haeckel nachträglich vermerkt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-10-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 40504
ID
40504