Hochverehrter Jubilar!
Als Sie sich heute vor 50 Jahren die ersten akademischen Würden erwarben, denen die darauf folgenden Jahrzehnte wissenschaftliche Ehrungen in überreicher Zahl hinzufügen sollten, hatte die anatomisch-physiologische Betrachtungsweise der Tiere in Ihrem gewaltigen von Ihnen selbst so hoch verehrten Lehrer Johannes Müller einen Höhepunkt erreicht. Sie traten in die Reihe der führenden Geister dieser Richtung, welche den Nachweis erbrachte, daß Bau und Entwickelungsweise der Tiere von einer Gesetzmäßigkeit beherrscht werden, welche aus den Funktionen der Teile heraus nicht erklärt werden kann. Die Vertiefung, welche der geistige Inhalt der Zoologie durch Ihre „Generelle Morphologie“ erfahren hat, Ihr Anteil an der Protoplasmatheorie und der richtigen Beurteilung der Organisation der Protozoen, die Klarheit, welche Sie durch Ihre Gasträatheorie über die Keimblattlehre verbreiteten, sind Ruhmestaten, welche in der Geschichte der biologischen Wissenschaften untrennbar mit Ihrem Namen verbunden bleiben werden.
In die ersten Jahre Ihrer akademischen Tätigkeit fiel ferner die große Zeit, in welcher die Deszendenzlehre durch die Genialität Darwins aus ihrem Dornröschenschlaf neu erweckt wurde. Es galt, die durch mühsame Detailforschung erkannte morphologische Gesetzmäßigkeit der Organismen als das Produkt ihrer gemeinsamen Abstammung zu erklären. Zum ersten Mal trat hiermit die Zoologie aus dem engen Kreis wissenschaftlicher Forschung in die Arena hinaus, in welcher die großen Fragen der Menschheit erörtert werden. In dem sich entspinnenden Kampf der Weltauffassungen, wohl dem bedeutsamsten des vorigen Jahrhunderts, ist es Ihnen vergönnt gewesen, eine führende Rolle zu übernehmen, welche Ihren Namen in die weitesten Kreise der gebildeten Welt hinaustrug und der hohen Verehrung Ihrer Fachgenossen die begeisterte Huldigung vieler Tausende, die nach einer einheitlichen Weltauffassung ringen, hinzufügte.
Die Quelle dieses reichen und vielseitigen Wirkens ist Ihre festgeschlossene Persönlichkeit, eine seltene Vereinigung groß angelegter wissenschaftlicher Auffassung und unerschütterlicher zur Tat drängender Ueberzeugungstreue. Ihre bis in Ihr Alter Ihnen treu gebliebene jugendliche Begeisterungsfähigkeit wirkte nicht nur zündend auf weite Volkskreise, sondern machte Sie auch zu einem Lehrer der akademischen Jugend, der es verstand, Liebe und Verständnis in die Herzen Ihrer Schüler einzupflanzen. Und so machten Sie das kleine Jena zu einer Hochburg biologischer Forschung und schufen sich einen Wirkungskreis, dem auch die glänzendsten Anerbietungen anderer Universitäten Sie nicht abwenden konnten.
Nehmen Sie, hochverehrter Herr Kollege, von unserer Akademie, die Sie seit 37 Jahren zu ihren besten und Größten zählt, den innigen Wunsch entgegen: Mögen Sie uns noch lange in ungebrochener Kraft des Körpers und des Geistes erhalten bleiben, allen wahren und wahrhaften Forschern zum Ansporn und Vorbild, dem deutschen Vaterlande zu Ehr und Ruhm!
München, 6. März 1907.
Die k. Bayerische Akademie der Wissenschaften.
Der Präsident: Heigel.
Der Sekretär der mathematisch-physikalischen Klasse: Carl Voit.