Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 22. August 1918

An die Gnädige Frau

Freifrau Helene von Heldburg (– Meiningen –)

(z. Z. Salstetten am Königsee).

Jena 22. August 1918.

Hochverehrte Gnädige Frau

und wertgeschätzte Freundin!

Heute erfreuten Sie mich sehr durch die gütige Sendung eines frischen Straußes von reizenden Cyclamen, welche Sie an den Ufern des Königs-Sees gepflückt hatten. Ich bitte Sie, für dieses freundliche Gedenken, ebenso wie für die frühere Sendung, meinen herzlichsten Dank entgegen zu nehmen! Zugleich freue ich mich, daraus zu ersehen, daß Ihr gegenwärtiger Gesundheits-Zustand befriedigend ist und Ihnen gestattet, in dem herrlichen bayerischen Hochlande die Reize unserer deutschen Alpenwelt bei dem jetzt herrschenden sonnigen Sommerwetter voll zu genießen. ||

Für mich ist leider der Genuß des Reisens nun schon seit 8 Jahren vorbei. Die Lähmung, die ich in Folge des unglücklichen Sturzes im April 1911 erlitt, und zugleich das Herzleiden und der Verlust der frischen Arbeitskraft, nehmen beständig zu. Dazu kommt noch seit dem Tode meiner lieben Frau das einsame Eremiten-Leben in der Klosterzelle der Villa Medusa – und der täglich wachsende Druck des entsetzlichen Weltkrieges! Angesichts der furchtbaren Zerstörung aller Kultur, der beispiellosen Verluste an Menschenleben und Bildungswerten aller Art, kann ich die Zukunft nur pessimistisch ansehen. Ich bin froh, daß ich den kommenden fünften Kriegswinter nicht mehr auszuhalten brauche; mein morsches Herz (– das seit 85 Jahren ununterbrochen arbeitet! –) wird seinen Dienst wohl noch vor Weihnachten versagen! – ||

Unter diesen unerfreulichen Umständen ist mir der Verkauf meiner lieben, seit 35 Jahren bewohnten Villa Medusa und deren Verwandlung in ein öffentliches Museum (– von welchem Ihnen die beiliegende Nr. 169 der „Jenaischen Zeitung“ vom 21. Juli Näheres berichtet –) die befriedigendste Lösung der „Erbschafts-Fragen“ – auch mit Rücksicht auf meine Kinder, die damit einverstanden sind.

Mein Sohn Walter bleibt in München, behält aber auf Lebenszeit das Recht, ein Zimmer der Villa Medusa zu benutzen. Er wird die reichen Kunstsammlungen, die ich der Universität Jena schenke – darunter 400 Original-Aquarelle von meinen Reisen – künstlerisch ordnen und überwachen. Auch die zahlreichen Ehren-Geschenke, die mir seit 50 Jahren in meiner hiesigen akademischen Tätigkeit zugegangen sind, werden dabei eine passende Erinnerungsstätte finden. ||

Unter den wertvollen Ölgemälden (– von Lenbach, Gabriel Max, Körner u. s. w.) – wird das ausgezeichnete Porträt Ihres unvergeßlichen Gemahls, das sein Sohn Prinz Ernst gemalt hat, eine der ersten Stellen einnehmen. Es hängt jetzt in meinem Arbeitszimmer und erinnert mich täglich an die weihevollen Tage, welche ich in Ihrer Beider Gesellschaft in Heldburg und Meiningen, in Altenstein und Liebenstein verbracht habe.

Für den Fall, daß diese Zeilen an Sie meine letzten sein sollten, bitte ich Sie diesen Abschieds-Gruß zugleich als Ausdruck des herzlichsten Dankes und der treuesten Verehrung für Ihren Gemahl wie für Sie selbst zu betrachten.

Mit besten Wünschen für Ihre letzte Lebensspanne

stets Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-08-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 437
ID
40168