Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 25. Februar 1917

Jena 25. Februar 1917.

Liebe und Hochverehrte

Gnädige Frau von Heldburg!

Durch Ihre herzlichen Glückwünsche zu meinem 83.sten Geburtstage haben Sie mir am 16.2. eine grosse Freude bereitet, nicht minder durch den begleitenden herrlichen Korb voll Hyazinthen und Tulpen, der als duftender und farbenschöner Wintergarten sei 8 Tagen mein stilles Arbeitszimmer in Villa Medusa ziert! Empfangen Sie für Ihre gütige Gabe meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank – und ganz besonders dafür, dass Sie in so warmen und zu Herzen gehenden Worten der schönen, nun schon der Vergangenheit angehörenden Zeiten gedenken, in denen wir oft mit Ihrem unvergesslichen Herrn Gemahl, meinem hohen Gönner und Freunde, die wahren Lebensfreuden in Wissenschaft und Kunst – in der „Religion“ von Goethe – beglückt geniessen konnten. ||

Mit herzlichem Bedauern ersehe ich aus Ihrem Briefe, dass Ihre Gesundheit leider noch viel zu wünschen übrig lässt; ich wünsche von Herzen baldige und vollständige Besserung! Wie schwer Sie da in dieser bösen harten Winterzeit, und inmitten der vielen Trauer und Sorge, die uns tagtäglich der Weltkrieg bringt, die treue Fürsorge Ihres liebevollen verewigten Gemahls entbehren, fühle ich mit Ihnen!

Auch ich habe im letzten Jahre die körperlichen und seelischen Leiden des hohen Alters in zunehmendem Maasse kennen gelernt. Meine freie Ortsbewegung – und damit auch leider das Reisen! – ist durch den vor 6 Jahren erlittenen Hüftgelenkbruch dauernd verhindert. Arbeitskraft und Gedächtnis nehmen ab. Dazu kommt noch die mangelhafte Ernährung (Mangel an Fleisch und Fett!), die wir den lieben Engländern verdanken! ||

Das schöne und heitere Zusammenleben mit meiner ältesten Enkelin Else Meyer, das mich 1½ Jahre nach dem Tode meiner lieben Frau erfreute, hat vor 6 Monaten ein unerwartetes Ende gefunden. Am 22. September, ihrem 22. Geburtstage, überraschte Else ihre Eltern und mich durch die Mitteilung, dass sie seit 2 Jahren heimlich verlobt sei, mit dem „Flieger-Leutnant“ Rudolf Hantzsch (26 Jahre alt, Sohn des Professors der Chemie in Leipzig). Er ist ein sehr angenehmer und liebenswürdiger Jüngling, aber im „Beruf“ noch nicht fertig! Nachdem er sein Architektur-Examen (– als Enkel der Bildhauer Schilling und Sohn der „Germania“ Modells am Niederwald) mit Auszeichnung bestanden, sattelte er vor 3 Jahren zum Studium der Medizin um (das ihn noch weitere 3 Jahre beschäftigen wird!). Zu Neujahr fand in Leipzig die „Kriegstrauung“ des glücklichen Paares statt; jetzt wohnen sie seit 6 Wochen in Fürth, wo Rudolf als Adjutant an der „Flieger-Schule“ 3 fungiert. ||

Dass mich die ungeheure Tragoedie des beispiellosen Weltkrieges und die damit verbundene entsetzliche Kultur-Zerstörung beständig und lebhaft beschäftigt, ersehen Sie aus bei folgendendem „Desparado“-Artikel vom 4. Februar. Trotz aller schweren Sorgen hoffe ich aber doch, dass unser herrliches „Deutsches Volk“ diese größte Prüfung (unter der Führung von Hindenburg, mit Hülfe der „Tauchboote“) glücklich bestehen wird.

Indem ich Ihnen, hochverehrte Freundin, den aufrichtigen Ausdruck meines herzlichsten Dankes wiederhole und baldige volle Genesung wünsche, bleibe ich in steter Treue – und in dankbarster Erinnerung an die schönen Tage von Heldburg, Altenstein und Meiningen – Ihr ergebenster alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
25-02-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 437
ID
40161