Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen, Jena, 16. Dezember 1899

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER UNIVERSITÄT JENA.

JENA, DEN 16. December | 1899.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Für Ihr letztes huldvolles Schreiben, indem Sie so gütig auf mein Buch über die „Welträthsel“ und die schwierigen darin behandelten Probleme eingehen, sage ich Ihnen meinen ganz besonderen Dank! Ew. Hoheit haben in Bezug auf die „letzten Fragen“ und die Urgründe des Kosmos gewiß vollkommen Recht; auch ich bin der Überzeugung, daß selbst die vollkommenste menschliche Organisation nicht ausreicht, um in das wahre Wesen der „Substanz“ und ihr Verhältniß zu „Gott“ einzudringen. ||

Hingegen glaube ich, daß es mir gelingen würde, Ew. Hoheit in Bezug auf „Welträthsel“ Nr. III („Erste Entstehung des Lebens“, l. c. p. 18) und die damit verknüpfte „Einheit der Natur“ (l. c. p. 293) – Carbogen-Theorie, Archigonie etc. (p. 296, 298) von der guten Begründung unserer monistischen Auffassung zu überzeugen. Ich habe dieselbe im XV. Vortrage meiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ (IX. Aufl. S. 340−368) so weit darzulegen versucht, als es ohne gründliche Kenntniß der einfachsten Lebensformen möglich ist; gerade deren eingehendes Studium (durch mehr als 20 Jahre) wurde mir bestimmend. ||

Inzwischen haben die „Welträthsel“ schon stark gewirkt; in 8 Wochen sind 4000 Exemplare abgesetzt worden. Jetzt ist bereits die III. Aufl. (6. u. 7. Tausend) erschienen. Die vierte will ich wesentlich verbessern und namentlich viele verletzende Schärfen in Bezug auf Religion, Christenthum etc. entfernen. Ich bin dazu theilweise durch meine Empörung über die verderbliche Lügen-Wirthschaft des Papismus verführt worden, theilweise durch das Studium des englischen Freidenkers Saladin, der zwar als gelehrter Theologe und rücksichtsloser Bibel-Kritiker im Rechte ist, aber sicher durch seinen Cynismus mehr schadet als nützt. ||

Die zahlreichen Besprechungen meines Buches (– von denen ich die der „Bonner Zeitung“ beilege und zu behalten bitte –) lauten meistens sehr günstig. Den allgemeinen Standpunkt beurteilt eingehend Julius Hart in der Berliner „Tägl. Rundschau“ (Nr. 285, 286, 292). Die Angriffe der Theologen werden erst noch kommen. Prof. Harnack nennt das Buch ein „lächerliches und armseliges Machwerk“ – ohne irgend auf die Streitpunkte einzugehen. Desgleichen die „Germania“. Wenn man bedenkt, wie wir monistischen Naturforscher und besonders wir Darwinisten seit 40 Jahren von der Ecclesia militans geschimpft und verflucht werden, wird man unsere Schärfe begreiflich finden. ||

II.

ZOOLOGISCHES INSTITUT

DER UNIVERSITÄT JENA

JENA, DEN 16.12.99.

Ew. Hoheit wird es interessiren zu hören, daß ich im November die Ehre eines längeren Besuches Ihres Neffen, des Prinzen Ernst von Sachsen-Altenburg hatte; er unterhielt sich mit mir über die „Welträthsel“ länger als 2 Stunden – in fast allen Punkten zustimmend. Der talentvolle und wissensdurstige Prinz, der mehrere Jahre hier bei uns studirte, ist durch eigenes gründliches Forschen in der Natur – und besonders durch seine astronomischen Studien – zur kosmologischen Perspective und monistischen Weltanschauung geführt worden. || Ich halte es für höchst wichtig und erfreulich, daß unter dem jungen Nachwuchse der deutschen Fürsten sich solche klare, ehrliche und naturwissenschaftlich gebildete Köpfe befinden; sie können der mächtig wachsenden Reaction auf geistigem Gebiete erfolgreich entgegentreten. Daß gerade unsere Ernestinischen Fürsten in Thüringen – der Wiege der Reformation! – dieses hohen Berufes eingedenk bleiben, ist ein culturhistorisches und deutsch patriotisches Verdienst (namentlich dem wachsenden Mysticismus in Berlin gegenüber!) – (Die Mittheilung über Prinz Ernst darf ich wohl bitten als ganz vertraulich zu betrachten). – ||

Für die gütige Einladung, Ew. Hoheit im Laufe des Januar oder Februar einen Besuch in Meiningen abzustatten, sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank! Wenn es die Verhältnisse gestatten, werde ich es mir zur hohen Ehre anrechnen, erscheinen zu dürfen. (Donnerstag, Freitag und Samstag bin ich im Winter frei).

Falls Sie Ihre Frühjahrs-Reise nach dem Mittelmeer diesmal nach Corsica richten wollten, könnte ich Ihnen alle gewünschte Auskunft ertheilen. Als klimatischer Kurort ist Ajaccio wohl unübertroffen. ||

Das Porträt, welches Lenbach im October von mir gemalt hat, ist jetzt in München ausgestellt; es soll sehr gelungen sein. Er hat beifolgende Photographie dabei benutzt.

Für das bevorstehende Weihnachtsfest und das kommende Neujahr gestatte ich mir, Ew. Hoheit und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin schon jetzt meine besten Glückwünsche darzubringen.

In aufrichtigster Verehrung

Ew. Hoheit ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
16.12.1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1332
ID
40145