Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 19. Januar 1906

Jena 19. Januar 1906.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Soeben habe ich die letzten Blätter (16−24) meiner „Wanderbilder“ erhalten, und beeile mich nun Ew. Hoheit das ganze Werk zu übersenden. Da Sie selbst ein talentreicher Künstler und scharfsichtiger Kunstkritiker sind, und da Sie viel besser zeichnen, als ich im Stande bin, muß ich um ganz besondere Nachsicht bei Annahme dieser schwachen dilettantischen Skizzen bitten. Sie werden wieder (– wie bei anderen meiner gut gemeinten, aber wenig gelungenen Producte –) finden, daß ich „ein guter Kerl, aber ein schlechter Musikant“ bin! ||

Für Ihren gütigen Brief vom Neujahrstage und Ihre freundliche Teilnahme an meiner Krankheit sage ich Ihnen meinen besten Dank! Es geht mir seit 3 Wochen wesentlich besser, so daß ich täglich, gegen Mittag, ein Stündchen ausgehen kann. Die Vorlesungen darf ich jedoch in diesem Semester nicht wieder aufnehmen. Die schmerzhaften Affectionen der Gelenke sind jetzt gehoben; auch die Herztätigkeit ist besser. Aber Schlaf und Nerventätigkeit lassen noch Viel zu wünschen übrig. ||

Die „Böhmischen Urwälder“, in deren sumpfigen Moosboden ich mir in den Pfingstferien (bei tagelangem Umherstreifen und Aquarelliren) den bösen Gelenk-Rheumatismus geholt hatte, liegen unweit der Station Eleonorenhain (von hier in 14 Stunden zu erreichen, von 7 früh bis 9 Abends, über Eger, Pilsen, Strakowitz). Das eigentliche Urwaldgebiet (der „Lukenwald“) umfaßt wenige Quadratmeilen und gehört dem Fürsten Schwarzenberg, der hier jährlich 1 oder 2 mal eine große Jagd giebt. Die modernden Stämme der gefallenen Riesenbäume liegen bunt durcheinander und dürfen nicht angerührt werden. ||

In dem beifolgenden blauen Heft von Otto Gramzow (den ich nicht kenne) dürften Sie die angestrichenen Stellen auf S. 480, 497, 503 interessiren.

Hoffentlich haben Sie und Ihre hochverehrte Frau Gemahlin das neue Jahr in bestem Wohlsein angetreten.

Meine Frau und ich senden Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin unsere ergebensten Grüße und besten Wünsche.

In aufrichtiger Verehrung

Ihr dankbar ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
19-01-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1335
ID
40098