Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 31. März 1905

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena 31.3.1905.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Da ich vermute, daß Ew. Hoheit sich noch in Cap Martin befinden, sende ich Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage nach der schönen Riviera ponente. Möge dort das sonnige Frühlingswetter Ihren Festtag beleuchten und die blumenreiche Flora der felsigen Mittelmeerküste ihn schmücken. Ich erinnere mich dabei mit besonderem Vergnügen der angenehmen Stunden, die ich voriges Frühjahr mit Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin in Cap Martin zu verleben die Ehre hatte. ||

Die schönen Palmengärten der Riviera werden freilich wohl noch die Spuren des ungewöhnlich harten Winters zeigen. Sowohl aus Bordighera wie aus Rapallo hörte ich bittere Klagen über den schweren Schaden, den der scharfe Frost angerichtet hatte, besonders auch aus dem Hanbury-Garten in Mortola. In unserem lieben Jena war der Winter dies Jahr umgekehrt sehr milde; wir hatten nur wenig Schnee und Eis. Seit 8 Tagen beginnen unsere Gärten und Wälder mit aufbrechenden Baumknospen, Anemonen, Pulmonarien u.s.w. bereits jenes reizende „Erwachen des Frühlings“ zu zeigen, das einen Vorzug des Nordens vor dem Süden bildet. ||

Vor 8 Tagen hatte ich die Ehre, Ihren Herrn Sohn, Prinz Ernst, nebst seinem ältesten Sohn, hier im Zoologischen Institut zu begrüßen. Sie bewunderten unsere kostbarste neue Erwerbung, das colossale Skelett eines männlichen Riesen-Gorilla (Breite des Brustkastens 44 Ctm; ebenso lang ist der Oberarm). Zusammen mit den Skeletten der übrigen Menschenaffen, die ich aus Java und Sumatra mitgebracht habe, wird dieses Sammlung von Anthropomorphen (in einem besonderen Schrank im Treppen-Haus aufgestellt) eine Zierde unseres Museums sein. Das Skelett des Gorilla (nachdem ich lange vergebens getrachtet hatte) kostet allerdings 1500 Mk; die Art wird immer seltener. ||

Von meiner litterarischen Tätigkeit kann ich Ihnen berichten, daß der Erfolg der „Welträthsel“ (180 Tausend) und der „Lebenswunder“ (16 Tausend) noch andauert. Auch die Übersetzungen (besonders die Englische) sind sehr verbreitet. Zeugniß davon giebt die immer noch andauernde Flut der Briefe und Besprechungen aus allen Weltgegenden.

Meine Frau, deren Gesundheit diesen Winter leidlich erträglich war, empfiehlt sich mit mir Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin auf das Beste. In aufrichtiger Verehrung bleibe ich

Ew. Hoheit ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
31-03-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1335
ID
40085