Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 20. Februar 1913

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena 20. Februar 1913.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Das gütige Glückwunsch-Schreiben, durch welches Ew. Hoheit eigenhändig mich beim Eintritt in das achtzigste Lebensjahr begrüßt haben, hat vor vielen anderen mich ganz besonders erfreut, und ich beeile mich, Ihnen dafür meinen herzlichsten Dank zu sagen! Zu meiner Freude ersehe ich aus Inhalt und Form Ihres Schreibens (– auch aus der festen klaren Handschrift! –) daß Sie sich trotz Ihrer 87 Jahre, und trotz der ungünstigen Gesundheits-Verhältnisse in den letzten Jahren, noch voller geistiger Frische erfreuen, und daß auch Ihr körperliches Befinden Ihnen den Genuß des schönen Mittelmeer-Frühlings an der Riviera gestattet. ||

Mit Vergnügen denke ich noch an den herrlichen Spaziergang an der felsigen Küste von Cap Martin, mit den prachtvollen Fernblicken auf Menton und Monaco, auf dem ich vor zwei Jahren Ew. Hoheit begleiten durfte. Die farbenreiche Erinnerung an diesen meinen letzten Besuch an der Riviera, der durch die Einweihung des Ozeanographischen Museums in Monaco einen ganz besonderen Glanz erhielt, ist mir jetzt um so teurer, als ich wohl leider das geliebte Mittelmeer nie wiedersehen werde. Meine ersten und tiefsten Eindrücke von seiner wunderbaren Natur gehen 57 Jahre zurück, bis auf das Jahr 1856, wo ich als Würzburger Student in Gesellschaft meiner großen Lehrer Johannes Müller und Albert Kölliker meine ersten Studien über die Fauna Mediterranea in Nizza und Villafranca anstellte. ||

Da der schmerzliche Verlust der freien Ortsbewegung, seit fast zwei Jahren, mir den Genuß der Wanderfreuden und der Reise-Eindrücke für immer genommen hat, versenkte ich mich um so lieber in die Erinnerungen meiner vielen früheren Reisen, für welche meine Sammlung von Aquarell-Skizzen und Bleistift-Zeichnungen eine nie versiegende Quelle bildet. Da Ew. Hoheit selbst als ausübender Künstler und Kunstfreund diese Genüsse aus eigener Erfahrung kennen (– und da Sie mir in diesem Gebiete, wie in vielen anderen, weit überlegen sind! –) können Sie ermessen, welchen Wert diese Vertiefung in die Erlebnisse der Vergangenheit hat, um so mehr, je weniger erfreulich die Gegenwart und je dunkler der Schleier der Zukunft für uns ist. ||

Das Phyletische Museum, für dessen Zustandekommen Ew. Hoheit gleich nach seiner Gründung vor 6 Jahren durch Ihre hochherzige Stiftung so wesentlich beigetragen haben, ist seit Mai 1912 dem öffentlichen Besuche zugänglich und wird viel benutzt. Mein Amtsnachfolger hat die innere Einrichtung gut ausgeführt.

Für Ihre gütige Einladung, eventuell im Laufe des kommenden Sommers oder Herbstes Ihnen einen Besuch in Altenstein abzustatten, danke ich bestens; ich fürchte aber, daß es mir nicht möglich sein wird, derselben Folge zu leisten.

Mit besten Wünschen für das Wohl Ew. Hoheit und mit freundlichen Grüssen bleibe ich in bekannter aufrichtiger Verehrung

Ew. Hoheit dankbar ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
20-02-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1337
ID
40068