Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Nervi, 4. April 1897

Nervi, Pension „La Riviera“.

4. April 1897.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Meine Absicht, vorgestern an Ew. Hoheit telegraphisch einen ergebensten Geburtstags-Glückwunsch zu senden, ließ sich leider unterwegs nicht ausführen. Ich bin von Neapel zur See direct nach Genua zurückgefahren und erst gestern mit meiner Familie, die inzwischen in San Remo war, hier eingetroffen. Ich hole nun die Versäumniß schriftlich nach, da ich so eben in der Zeitung lese, daß Sie mit Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin in Bournemouth angelangt sind. Möge Ihnen das neue Lebensjahr in jeder Beziehung nur Gutes und Erfreuliches, insbesondere volle Gesundheit bringen. ||

In dem Briefe, in welchem ich von Messina aus (im Februar), Ew. Hoheit meinen herzlichen Dank für Ihren freundlichen Geburtstags-Glückwunsch aussprach, hatte ich Ihnen Einiges über meine wissenschaftliche Studien-Reise nach Messina mitzutheilen mir erlaubt. Meine Arbeiten und Sammlungen dort, vom schönsten Frühlingswetter begünstigt, hatten besten Erfolg, so daß ich die letzten März-Wochen noch zu einer interessanten Rundreise um den Etna (– auf der neuen Sekundär-Bahn „Ferrovia circumetnea“: Catania, Paternó, Adernó, Randazzo, Mojo, Giarre –) benutzen konnte; so lernte ich den mächtigen Vulcan, den ich im October 1859 bestiegen, auch von der Westseite kennen. ||

Eine andere, sehr interessante Excursion führte ich von Messina nach den Liparischen Inseln aus (Volcano, Lipari, Stromboli). Die Fahrt dorthin von Milazzo, einen der schönsten Punkte Siciliens, bietet wundervolle Landschaftsbilder; ebenso wie die nähere, wenig besuchte Umgebung von Messina. Ebenso genoß ich auch auf der Rückreise von Messina nach Neapel, die ich auf der neuen schönen Eisenbahn an der Westküste Calabriens ausführte, eine Reihenfolge der schönsten südlichen Landschaften: rechts die schneebedeckten Gipfel des Apennin, links das herrliche blaue Meer mit prächtigem Buchten, Vorgebirgen und malerischen Küstenorten, dazu die schönsten Oliven-Wälder, Agaven, Opuntien, Cypressen etc. ||

Meine Frau und Tochter hatten an der Riviera im Februar schönes, im März dagegen meistens schlechtes Wetter, mit Kälte und heftigen Winden. Hier in Nervi wollen wir noch 10 Tage bleiben und dann Mitte April die Rückreise (über Venedig und Wien) antreten. In den ersten Tagen des Mai wollen wir wieder in Jena sein, wo die Vorlesungen am 3. Mai beginnen.

Indem ich Ew. Hoheit und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin für den Aufenthalt an der Englischen Küste Alles Angenehme, insonderheit das freundlichste Frühlingswetter wünsche, bleibe ich

in aufrichtigster Verehrung

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
04-04-1897
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1331
ID
40057