Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 9. November 1917

Jena 9. November 1917.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Durch die freundliche Zusendung der duftreichen Äpfel von Ihrer „Heldburg“, ebenso wie früher der schönen Alpenrosen vom Königssee, haben Sie mich sehr erfreut, und in dieser schlimmen Zeit des Völkerkrieges die Erinnerung an die verflossenen friedlichen Lebensgenüsse der Jahre 1871 bis 1911 wieder aufgefrischt, in denen ich das Glück hatte, mit Ihnen und Ihrem unvergeßlichen Herrn Gemahl die liebliche Natur unseres Thüringer Waldes zu genießen. Heldburg und Meiningen, Altenstein und Liebenstein gehören zu jenen farbenreichen Erinnerungsbildern, zu denen in meinem hohen Alter die Phantasie immer wieder mit neuer Dankbarkeit zurückkehrt. Besonders lebhaft gedenke ich meines ersten Besuches auf der „Fränkischen Leuchte“, wo spät Abends im Hofe der Heldburg Sie Beide mich mit Fackeln bewillkommneten. ||

Beifolgend übersende ich Ihnen meine letzte naturphilosophische Arbeit, welche mich diesen ganzen Sommer beschäftigt hat, die „Kristallseelen“. Außer dem kurzen Vorwort und den „Synoptischen Tabellen“ am Schluß dürfte Sie vielleicht nur ein Teil des vierten Kapitels: „Fühlungskunde“ interessieren. („Komparante Psychomatik“, S. 95−98, „Wahlverwandtschaft“ S. 106−111, und „Zellseele“, S. 182−228). Als feinsinnige Künstlerin und tiefempfindende Menschenkennerin, wie als verständnisvolle Darstellerin von Goethe, wird es Sie freuen zu sehen, wie unser größter Dichter zugleich der umfassendste Naturforscher und Philosoph war, und schon vor 130 Jahren in den „beseelten Kristallen“ die Einheit von „Geist und Materie“ erkannte, welche in unserem „Monismus“ offenbar wird. ||

Da ich in den „Kristallseelen“ mehrfach auf meine „Anthropogenie“ Bezug genommen habe, lege ich meiner Broschüre ein Exemplar ihrer neuesten (sechsten) Auflage bei (– beide ungebunden, da die Buchbinder in Jena jetzt wegen Mangel an Papier und Arbeitskräften keine guten Einbände mehr liefern können!). Sollten Sie das Werk bereits besitzen, so könnten Sie dies Exemplar an einen treuen älteren Schüler von mir senden, Dr. Pfannstiel, der jetzt Direktor des Lehrer-Seminars in Hildburghausen ist. Ich begegnete ihm das letzte Mal (vielleicht 1904?) ganz zufällig im Walde von Altenstein, als Ihr liebenswürdiger Herr Gemahl mich im Jagdwagen selbst kutschierte; da Dr. Pfannstiel ein sehr tüchtiger und begabter Lehrer ist, war es mir ein besonderes Vergnügen, ihn dem Herrn Herzog persönlich vorzustellen. ||

Hoffentlich sind Sie mit Ihrer Gesundheit jetzt zufrieden und erfreuen sich auf Ihrer romantischen Heldburg noch einiger schöner Spätherbsttage!

Mir persönlich geht es leidlich, obwohl der zunehmende Mangel an Kohlen und Nahrungsmitteln recht empfindlich wird. Aber die Altersschwäche (besonders Arterien-Verkalkung und Herzschwäche) wird von Monat zu Monat mehr fühlbar.

Vorgestern bin ich zu der atavistischen Würde des Urgrossvaters emporgerückt; meine älteste Enkelin, Else Meyer (Leipzig), welche zu Neujahr den Flieger-Leutnant Hantzsch heiratete, ist durch die Geburt eines gesunden Töchterchen erfreut worden. –

Indem ich Ihnen meinen herzlichsten Dank für Ihre gütigen Sendungen wiederhole, bleibe ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
09-11-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 422/III
ID
40051