Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 19. August 1912

Jena 19. August 1912.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Durch meine frühere Schülerin, Fräulein Maria Holgers (Berlin), welche Sie die Güte hatten im Juli d. J. in Altenstein zu empfangen, erfuhr ich heute zu meinem größten Bedauern, daß Ihre hochverehrter Herr Gemahl, mein gütiger Gönner und Protektor, wiederum erkrankt und von Schmerzen geplagt ist. Ich bitte Sie ergebenst, Seiner Hoheit den Ausdruck meiner herzlichsten Teilnahme, und meiner besten Wünsche für baldige vollkommene Genesung übermitteln zu wollen. Hoffentlich ist Ihre eigene Gesundheit, Gnädigste Frau, jetzt ganz wieder hergestellt, und können Sie den Herbst in Ihrem herrlichen Altenstein recht genießen! ||

Fräulein Holgers teilte mir ferner mit, daß Sie sich nach meinem Befinden eingehend erkundigt, und dabei die freundliche Absicht geäußert hätten, mich nach erfolgter Genesung, zur Rekonvaleszenz, zu einem Besuch in Altenstein einzuladen.

Indem ich Ihnen für diesen neuen Beweis Ihrer vielbewährten freundschaftlichen Gesinnung meinen herzlichsten Dank abstattete, muß ich leider gleich hinzufügen, daß mir die Reise dorthin unmöglich sein würde. Meine Gesundheit hat sich in den letzten Monaten stetig verschlechtert, so daß ich überhaupt (– mit 78 Jahren und Verlust des freien Gehvermögens –) an Reisen nicht mehr denken kann. ||

Auch das Befinden meiner Frau, die nun schon seit mehr als 20 Jahren von unheilbaren Herz- und Nervenleiden geplagt wird, und – mit 70 Jahren – jetzt ganz an das Haus gebannt ist, würde mir keine Entfernung von Jena gestatten.

Leider ist es ja eine alltägliche Erfahrung, daß die letzten Lebensjahre, in denen wir nach vollbrachter schwerer Lebensarbeit auf einen freundlichen und harmonischen Sonnen-Untergang hoffen durften, von düsteren Wolken aller Art verdunkelt werden!

Mit der aufrichtigen Versicherung höchster Verehrung und Dankbarkeit für Sie und für Ihren Herrn Gemahl bleibe ich stets

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
19-08-1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
40049