Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 8. Juni 1889

Jena, den 8. Juni 1889

Gnädigste Frau!

Durch Ihren freundlichen Brief haben Sie mich sehr erfreut, da ich daraus entnehmen darf, daß sowohl Ihnen wie Ihrem Herrn Gemahl mein Besuch auf der Heldburg – für mich eine der werthvollsten Lebens-Erinnerungen – nicht unwillkommen war, und Sie trotz meines unbeholfenen, vielleicht allzu eifrigen Wesens, doch das aufrichtige Streben meiner Lebens-Arbeit billigen. ||

Beifolgend gestatte ich mir, Ihnen die Adresse zu übersenden, welche ich – auf ausdrückliche und dringende Bitte der Römischen Studentenschaft – zu der morgen stattfindenden historisch-bedeutsamen Feier der Enthüllung des Giordano-Bruno-Denkmals nach Rom gerichtet habe. Nach mehreren Mittheilungen, welche ich von dort erhalten habe, glaube ich annehmen zu dürfen, daß diese Feier nicht allein ein großartiges National-Fest, sondern ein wahres internationales Reformations-Fest des frei strebenden Geistes werden wird, eine Genugthuung für alle edlen Märtyrer, welche dem kirchlichen Obscurantismus [Satzende fehlt aufgrund schlechter Kopie] ||

Der Grund, weßhalb ich (und meine Gesinnung-Genossen) unter den Heerführern der monistischen Philosophie Baco nicht in erster Linie nennen, liegt an seinem zweideutigen Charakter. Was er auf der einen Seite durch seine inductive Methode gewann, verlor er auf der andern durch sein leichtfertiges Geisterspiel. Ich muß im Ganzen dem beistimmen, was J. Liebig und Kuno Fischer darüber sagen, sowie F. A. Lange in seiner vortrefflichen „Geschichte des Materialismus“ (III. Aufl. 1876, I. Bd. S. 198 u. 219). Hätte Baco mehr Charakter besessen und die Wahrheit über Alles gesetzt, so würde er einen weit höheren Rang in der Geschichte einnehmen.

Im Begriffe, nach der einsamen Waldgegend der oberen Saale abzureisen, und in deren kühlen Gründen die Pfingstwoche zuzubringen, erlaube ich mir auch Ihnen, gnädigste Frau, ein recht angenehmes Pfingstfest zu wünschen.

Mit der Bitte, Seiner Hoheit, dem Herrn Herzog mich hochachtungsvollst empfehlen zu wollen, bleibe ich in vorzüglicher Verehrung

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
08-06-1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39994