Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 25. Februar 1915

Jena 25. Februar 1915.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Für den freundlichen Glückwunsch zum 81.sten Geburtstage, durch den Sie mich am 16. d. M. erfreuten, sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank! Ich habe diesen Tag, entsprechend den schweren und sorgenvollen Verhältnissen des gigantischen Weltkrieges, diesmal ganz still verlebt; um so mehr als meine liebe Frau (– jetzt bereits 72 Jahre alt –) seit längerer Zeit sehr leidend ist, ein Herz und Nerven, und der grössten Ruhe bedarf. Auch mein eigener alter Organismus will nicht mehr in erwünschter Weise Arbeit leisten; der Mangel der freien Ortsbewegung ist andauernd sehr fühlbar. ||

Angesichts der ungeheuren Umwälzung aller politischen Verhältnisse, der beispiellosen Dimensionen des Völkerkrieges und der dadurch bedingten „Umwertung aller Werte“, habe ich im verflossenen halben Jahre sehr oft an Ihren verewigten Herrn Gemahl denken müssen; an den erhabenen Deutschen Fürsten, der alle übrigen so hoch an Geist und Charakter überragte, und der als Protector von Kunst und Wissenschaft sich eine bleibende Ruhmesstätte im Deutschen Geistesleben geschaffen hat. Was würde Herzog Georg II. zu den gewaltigen Ereignissen der letzten 6 Monate gesagt haben? ||

Die persönlichen Verluste, die Er schon im Beginn des Krieges durch den Tod eines ausgezeichneten Sohnes und eines hoffnungsvollen Enkels erlitten hat, und die späterhin durch den Fall zahlreicher Ihm bekannter tapferer Kriegsmänner vermehrt wurden, hätten Ihn sicher in tiefe Betrübnis versetzt – ebenso wie die täglich zunehmenden Gräuel des modernen Massenmordes und der tieftraurigen Zerstörung aller Kulturwerte. Andererseits würden Ihn wohl die einmütige Erhebung des Deutschen Volkes, die bewunderungswürdigen Heldentaten unserer Armee und Marine, mit hohem patriotischen Stolze erfüllt haben, und mit der frohen Hoffnung auf eine bessere Zukunft! ||

Durch unsere Frau Grossherzogin Feodora, welche ich am 27. Dezember 1914 (zum ersten Male) in der Wohnung Ihrer Exzellenz Frau Geheimerat von Eggeling zu sprechen die Ehre hatte, erfuhr ich, dass Sie, hochverehrte Frau, sich jetzt verhältnismässig wohl befinden und in edler philanthropischer Tätigkeit Trost für Ihren unersetzlichen Verlust suchen. Beifolgend erlaube ich mir Ihnen zwei kleine Aufsätze über den „Weltkrieg“ zu senden, und zugleich meine letzte naturphilosophische Arbeit: „Gott-Natur“, in welcher Sie vielleicht der „Abschied“ (S. 56) und die auf S. 5 blauen notierten Abschnitte (besonders Tab. 1−4) interessieren dürften.

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen und mit freundlichsten Grüßen von mir und meiner Frau

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
25-02-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39982