Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 20. Februar 1914

Jena 20. Februar 1914.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Durch Ihre freundlichen Glückwünsche zu meinem 80.sten Geburtstage, sowie durch den begleitenden herrlichen Blumengruß von der Riviera, haben Sie mich hoch erfreut! Ich sage Ihnen dafür meinen herzlichsten Dank, zugleich im Namen meiner Frau, welche die duftenden Nelken in meiner Abwesenheit in Empfang nahm. Ich verbrachte die Tage vom 12. bis 19. Februar in Leipzig, da ich mich außer Stande fühlte, die drohenden Strapatzen der zahlreichen Besuche, Begrüßungen von Deputationen u.s.w. hier persönlich auszuhalten. So ist denn diese Festwoche für mich in aller Stille und ohne störenden Zwischenfall beschaulich vorübergegangen. ||

Meine Frau, die seit Jahren nicht mehr herausgekommen ist und die Reise nach Leipzig nicht mitmachen konnte, saß inzwischen hier und nahm 1600 Postsendungen in Empfang. Sie läßt Ihnen durch mich ganz besonders danken und um Entschuldigung bitten, daß sie Ihren freundlichen telegraphischen Gruß nicht sofort beantwortet habe. Nachdem sie in der ersten Hälfte des Jahres 5 Monate an Influenza zu leiden hatte, war ihre Gesundheit in der zweiten Hälfte leidlich gut. Wir haben uns aber Beide in dem langen und schneereichen Thüringer Winter oft nach der sonnigen Riviera gesehnt. Hoffentlich erleben Sie und Ihr hochverehrter Herr Gemahl dort jetzt noch recht schöne Frühlingswochen! Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlbefinden

Ihr dankbar ergebener

Ernst Haeckel. ||

[Beilage: gedrucktes Dankschreiben Ernst Haeckels an die Gratulanten zu seinem 80. Geburtstag, Jena, 22. Februar 1914]

Jena, 22. Februar 1914.

Am 16. Februar d. J. beschloß ich mein 80. Lebensjahr und damit zugleich einen Zeitabschnitt von 60 Jahren produktiver Arbeit, welcher der wissenschaftlichen Erkenntnis und Lehre der Wahrheit gewidmet war. Dieser Gedenktag wurde für viele von meinen Schülern und Anhängern, für gleichstrebende Freunde der Natur und Kunst, Veranlassung, mir ihre Dankbarkeit und Anhänglichkeit kundzugeben. Viele Hunderte von Briefen und Telegrammen, von ehrenvollen Adressen und kunstreichen Geschenken, überzeugten mich, daß mein Lebenswerk in weitesten Kreisen Früchte getragen hat; die Freuden und Leiden heißer literarischer Kämpfe während eines halben Jahrhunderts sind nicht vergeblich gewesen.

Tief ergriffen von diesem Erfolge, welcher die kühnsten Hoffnungen meiner Jugend bei weitem übertroffen hat, sehe ich mich außerstande, mit wenigen Worten meinen Gefühlen des aufrichtigsten Dankes angemessenen Ausdruck zu geben. Ich kann nur versichern, daß ich in diesen herzlichen Beweisen aufrichtiger Anerkennung den schönsten Lohn für die vielen und schweren Opfer erblicke, welche ich der Erreichung meines Lebenszieles gebracht habe. ||

Von früher Jugend an war ich beseelt von Freude an den unerschöpflichen Schönheiten der Natur und an den edlen Genüssen der Kunst; ich genoß das Glück, von trefflichen, idealgesinnten Eltern und von ausgezeichneten, vielseitig anregenden Lehrern für die höchsten Ziele beglückender Lebensarbeit erzogen zu werden. Dazu gesellte sich die Gunst äußerer Verhältnisse, welche mich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die größten Fortschritte der Kultur und die tiefstgreifenden Reformen der Wissenschaft selbst miterleben ließen.

Daß es mir dabei vergönnt war, an der Bereicherung unserer realen Natur-Erkenntnis und an dem idealen Aufbau der darauf gegründeten monistischen Natur-Philosophie mich selbsttätig zu beteiligen, betrachte ich als eine besondere Gunst des Geschickes. Nicht geringer aber muß ich die erhebende und beglückende Teilnahme so zahlreicher trefflicher Freunde und Gesinnungsgenossen in allen Teilen der Erde einschätzen. Ihnen allen sei mit diesen wenigen aufrichtigen Worten der Ausdruck des tiefstgefühlten Dankes dargebracht.

ERNST HAECKEL

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
22-02-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39980