Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 20. Februar 1913

Jena 20. Februar 1913.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Für Ihre freundlichen Glückwünsche zu meinem 79sten Geburtstage, begleitet von den schönen Gaben der Riviera-Flora, duftenden Blumen und goldenen Hesperiden-Aepfeln, sage ich Ihnen meinen besten Dank; Sie haben mir damit eine große Freude bereitet! Das mitgesandte Bild Ihres hochverehrten Herrn Gemahls, das Seine Hoheit Prinz Ernst im Dezember 1912 gezeichnet hat, finde ich in jeder Beziehung ausgezeichnet; falls Sie noch Vorrat von dieser hochinteressanten Postkarte haben, möchte ich Sie freundlichst bitten, mir noch 2 oder 3 Exemplare davon (– als Drucksache über + Band –) zu übersenden. ||

Ihrer freundlichen Einladung, im Laufe des nächsten Sommers oder Herbstes Ihnen in Altenstein einen Besuch abzustatten, würde ich mit Freuden folgen, falls meine Gesundheit es erlaubte. Ich fürchte aber, daß mein verhindertes Gehvermögen mir überhaupt keine Reise mehr gestatten wird. Dem alten kranken Hüftgelenk ist nicht mehr zu helfen. Im April sind 2 Jahre seit meinem Unfall verflossen, und die Unbeweglichkeit des Gelenks ist dieselbe geblieben. Ich muß meine Exkursionen darauf beschränken, daß ich mich im Rollstuhl in das nahe „Paradies“ fahren lasse und dort ein Stündchen am Anblick des Saaltals und der Berge erfreue. Sonst kann ich nur wenige Schritte mühsam mit 2 Stöcken gehen. ||

Gestern erhielt ich Besuch von meiner treuen und um mein Wohl sehr besorgten Schülerin, Fräulein Maria Holgers, welche Sie im vorigen Sommer so freundlich in Altenstein empfangen hatten. Sie kam von Nürnberg, wo sie einen literarischen Vortrag gehalten hatte. Sie wird Ihnen wahrscheinlich über ihren hiesigen Besuch schreiben, aber meine jetzige Verfassung wohl zu günstig schildern. So wie nun einmal meine persönlichen und häuslichen Verhältnisse hier liegen, kann ich kaum mehr an das Reisen denken. Meine arme Frau war den ganzen Winter krank und an den Folgen einer schweren Influenza leidend; sie kann (mit 70 Jahren) das Haus nicht mehr verlassen und bedarf sehr beständiger Pflege. ||

Der Winter war hier im Ganzen sehr milde; aber sei 8 Tagen haben wir scharfen Frost und Schnee. Die Schneeglöckchen und Primeln, die vorzeitig ihre Köpfchen aus der Erde herausstreckten, haben ihren Leichtsinn büßen müssen. Auf dem Thüringer Walde liegt hoher Schnee.

Für den Genuß des herrlichen Riviera-Frühlings, an den mich jetzt die freundlichst übersandten Blumen täglich erinnern, wünsche ich Ihnen und Ihrem hochverehrten Herrn Gemahl volle Gesundheit.

Mit besten Grüßen, auch von meiner Frau, stets Ihr

dankbar ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
20-02-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39978