Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 9. Mai 1892

Jena 9. Mai 1892.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Wenig fehlte, so hätte ich die Ehre und Freude gehabt, Sie und Ihre hochverehrte Frau Gemahlin im April an der Riviera ponente zu begrüßen. Leider waren Sie aber an den Orten, welche Sie besucht hatten (San Remo, Mentone, Nizza, Cannes) nicht mehr anwesend, als ich an denselben eintraf und von Ihrem Besuche hörte. Am 2. April sandte ich Ihnen einen verehrungsvollen Geburtstags-Gruß telegraphisch nach Meiningen, da ich nicht wußte, daß Sie schon abgereist waren. ||

Hoffentlich haben Ew. Hoheit den herrlichen April in den Palmen Gärten der Riviera voll und ungetrübt genossen. Ich habe diesen Monat mit meiner Frau (welche die drei ersten Monate des Jahres schwer unter der stark grassierenden Influenza gelitten hatte) größtentheils in dem idyllischen San Remo zugebracht; sein wundervolles Klima ist uns vortrefflich bekommen. Auf der Rückreise besuchten wir (am 26. April) den Comer See und erfreuten uns in Ihrer unvergleichlichen Villa Carlotta an dem prachtvollen Frühlings-Flor der Rhododendren, Azaleen und Glycinien. Besonders die Purpurblüthen von Rhododendron arboreum (– eine Erinnerung an das Hochland von Ceylon –) waren entzückend schön. ||

Als wir Anfang Mai nach Jena zurückkehrten, fanden wir hier die Mittheilung vor, daß mehrere Verwandte (– darunter die Familie des holländischen Schriftstellers und Malers L. Mulder, deren Gastfreundschaft ich früher genossen –) die Pfingstwoche bei uns zuzubringen gedächten. Da wir die Annahme dieses lieben Besuches nicht ablehnen oder verschieben konnten, sehe ich mich leider außer Stande, der gütigen Einladung nach der Villa Carlotta Folge zu leisten, welche Sie im Februar d. J. gnädigst an mich gerichtet hatten. So gern ich gerade die herrliche Pfingstzeit dort mit Ihnen verlebt hätte, so ist es mir doch unter diesen Umständen leider nicht möglich. ||

Wenn Ew. Hoheit es gnädigst gestatten und die Verhältnisse nicht hinderlich sind, werde ich mir erlauben, Ihnen im Laufe des Sommers oder Herbstes einen Besuch in Meiningen oder Altenstein abzustatten – selbstverständlich des gnädigen Wunsches Ew. Hoheit gewärtig.

Indem ich Ihnen für Ihre gütige Einladung nochmals meinen herzlichsten Dank ausspreche und die besten Wünsche für den Aufenthalt an dem herrlichen Comer See hinzufüge, bleibe ich in aufrichtigster Verehrung, und mit ehrerbietigsten Grüßen an Ihre Frau Gemahlin

Ew. Hoheit ergebenster

Prof. Dr. Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
09-05-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39949