Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 27. März 1892

Jena, den 27. März 1892.

Hochverehrte gnädige Frau!

Beifolgend beehre ich mich Ihnen einen Aufsatz über „Die Weltanschauung des neuen Curses“ zu übersenden, welcher am 15. März im III. Hefte der „Freien Bühne“ erschienen ist. Ich habe darin den schweren Besorgnissen Ausdruck gegeben, mit welchen mich und meine Freunde die gefahrdrohenden Ereignisse der letzten Monate, insbesondere das vielbesprochene „Volksschulgesetz“, erfüllt haben. ||

Inzwischen ist ja durch die neue überraschende Wendung der Kaiserlichen Politik ein Theil jener Besorgnisse vorläufig hinfällig geworden. Allein gerade die häufige Wiederkehr solcher „abnormer Schwankungen der Magnetnadel“ läßt befürchten, daß nach einiger Zeit abermals der Versuch gemacht werden könnte, unsere schwer errungene Geistesfreiheit in mittelalterliche Bahnen zurückschrauben und unter das Joch despotischer Hierarchie beugen zu wollen. ||

Da ich nicht Politiker, sondern nur ein guter Deutscher Patriot bin, da ich auch weder Lust noch Beruf zum Verfassen politischer Zeitungs-Artikel besitze, bitte ich die Ausführungen meines Aufsatzes lediglich als nothgedrungenen Ausdruck der sorgenvollen, in weiten Kreisen unserer Bildungsstufe herrschenden Stimmung betrachten zu wollen. Ich gestatte mir noch zu bemerken, daß der Aufsatz in der letzten Februar-Woche geschrieben wurde. Sollte Seine Hoheit, der Herr Herzog denselben wenigstens || theilweise billigen, so würde mir dies zur großen Beruhigung gereichen.

Bezüglich der gütigen Einladung zum Pfingstbesuch in der Villa Carlotta darf ich wohl die in meinem letzten Schreiben ausgedrückte Annahme wiederholen, daß Sie mir gütigst seiner Zeit mitteilen lassen, ob Seiner Hoheit mein Besuch zu Pfingsten wirklich in keiner Weise störend sein wird.

Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl ehrerbietigst zu empfehlen, bleibe ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr ergebenster

Ernst Haeckel.

P. S. Die nächsten 4 Wochen werde ich an der Riviera zubringen.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
27-03-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39946