Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 7. Mai 1900

Jena, 7. Mai 1900.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Für Ihre liebenswürdigen wiederholten Sendungen von Frühlings-Blumen der Riviera (– die zum Theil noch in sehr erfreulichem Zustande hier anlangten –) sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank! Besonders gefreut haben mich meine Orchideen-Lieblinge, die rote Cephalanthera und die beiden insecten-ähnlichen Ophryo-Arten (– die eine Bienen, die andere Fliegen ähnlich –). Unsere hiesigen Cousinen derselben sind viel kleiner und unansehnlicher; sie werden dies Jahr 2−3 Wochen später als sonst kommen, die ganze Vegetation ist um einen Monat zurück. ||

Seit erstem Mai haben wir endlich beständig warmen Sonnenschein; der Wonnemonat scheint seinem Namen ebenso Ehre zu machen, wie es der abscheuliche Launenhafte April gethan hat. Unsere böse Influenza-Epidemie ist glücklich vorüber; nur meine arme Frau hat noch an den Folgen zu leiden.

Ich habe mein Semester mit reicher Instituts-Arbeit begonnen und bin außerdem mit vielerlei Vorbereitungen zu meiner zweiten Indischen Reise beschäftigt; ich möchte den halbjährigen Winter-Aufenthalt auf Java und den Molukken möglichst fruchtbringend und ergebnißreich gestalten. ||

Ihr Durchlauchtigster Herr Gemahl hatte in seinem letzten Briefe an mich, für welchen ich Ihm meinen herzlichsten Dank auszusprechen bitte, die große Güte gehabt, seine freundliche – mir sehr werthvolle! – Theilnahme an meinem Reise-Projekt auszudrücken, und zugleich auch Sorge wegen der damit verknüpften Gefahren, besonders für die Gesundheit. In letzterer Beziehung kann ich Seine Hoheit den Herrn Herzog vollkommen beruhigen; ich werde diesmal – schon aus Rücksicht auf meine 66 Jahre und meine besorgte Familie – keinerlei kühne Extra-Touren unternehmen, keine Fieber Gegenden aufsuchen, und mich vor der Malaria ganz besonders hüten. ||

Wenn Sie es erlauben, Gnädigste Frau, so möchte ich Ihnen zu Ihrem bevorstehenden Geburtstage meine herzlichsten Glückwünsche schon heute praenumerando mitsenden – in der Hoffnung als erster Gratulant ganz besonders genehm zu kommen! Ich bin nämlich, – offen gestanden – in Bezug auf Geburtstage und andere Personalien schrecklich vergeßlich; schon deßhalb spiele ich immer bei Hofe eine sehr klägliche Rolle!

Mit dem Wunsche, daß Sie und Ihr Durchlauchtigster Herr Gemahl in der wundervollen Villa Carlotta einen recht herrlichen Mai verleben, und mit ehrerbietigsten Grüßen von meiner Frau, bleibe ich

in dankbarer Verehrung Ihr ergebenster

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
07-05-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39943